BENSTAGE 19.1 Next Level Failure

Lust auf Kontroversen

Ich habe das Gefühl, geistig zu verarmen. So, als würde ich mich einfach nicht mehr challengen mit Dingen, die ich nicht eh schon weiß oder für richtig halte. Irgendwie, erarbeitet man sich heute ja selten eine neue Meinung, sondern übernimmt einfach die einer bestimmten Bubble. Ich zumindest bin gefühlt etwas bequem geworden, was das angeht. Oh ich lese ständig irgendwelches Fachzeugs, beruflich eben, aber kontrovers ist das ja auch nicht wirklich. Nein, ich habe Lust mich mal wieder geistig etwas zu fordern. Ein gutes, respektvolles Streitgespräch oder zumindest eine hitzige Diskussion. Ich mag Harmonie, schon klar, ich habe auch gerne recht, aber wenn man sich immer nur in seiner scheiß Echokammer aufhält, lernt man ja nichts. Das ist es auch irgendwie, was ich an dieser Zeit so öde finde: Alles ist schwarz oder weiß. Jeder hat recht oder will vor allem recht haben. Um Erkenntnisgewinn geht es ja eher selten. De facto ist es doch so: an sich weiß oder verstehe ich gar nichts. Und damit will ich mich nicht wieder schlecht oder klein machen. Wir leben in einer komplizierten, immer komplexer werdenden Welt. Ich weiß wenige Dinge wirklich first hand und selbst die, verändern sich und man kommt kaum hinterher. Und was mich noch viel mehr nervt: man kann nicht mehr unrecht haben, Fehler machen. Als Jugendlicher habe ich Dinge gedacht, Sachen gesagt, die, wenn man es damals schon via Social Media erfasst hätte und heute wieder hervorholen würde, dafür sorgen würde das bestimmte Leute nie wieder ein Wort mit mir wechseln würden. Weil wir uns nicht mehr zugestehen, Fehler zu machen, zu lernen, uns zu verändern. Mir scheint, dass es einige Wenige gibt, die meinen immer alles vom Vorne herein richtig zu sehen und wer das nicht tut, ist Schmutz. Nun, ich bin nicht so clever. Ich werde immer wieder scheiße bauen und hänge manchmal gesellschaftlichen Entwicklungen nach. Deswegen bin ich kein schlechter Mensch, bestimmte Sichtweisen, muss ich mir eben erarbeiten.

Vor fünf Jahren hätte ich das Gendern wahrscheinlich achselzuckend als Gedöns abgetan. Heute erscheint es mir schlicht logisch, dass sich so etwas universelles wie Sprache bemühen sollte, möglichst inklusiv daherzukommen. Zumal Sprache nichts statisches ist, was stets bleibt, wie es zu einer bestimmten Zeit ist. In fünf Jahren bin ich vielleicht wieder dagegen, weil ich etwas Neues gelernt habe, weil gute Argumente mich von einem anderen Standpunkt überzeugt haben. Mein Punkt: wir lernen durch andere Sichtweisen, durch Empathie und in dem wir mit Gedanken konfrontiert werden, die wir uns nicht einfach selber machen können.

Ich glaube, dass uns das als Gesellschaft irgendwie abgeht: Widersprüche aushalten, andere Sichtweisen akzeptieren. Entweder siehst du alles exakt so wie ich, oder ich will mit dir nichts zu tun haben. Das ist doch scheiße und als Gesellschaft wird man so doch nur konformer und letztlich ärmer. Von der Gefahr der Spaltung, des Hasses und der Aufwiegelung mal ganz abgesehen. Respektvoll zu streiten, ist doch auch eine Kulturleistung oder nicht? Wenn aber eine vermeintliche Mehrheit einer Minderheit diktiert, was diese sagen oder denken kann, hat das nichts mehr mit Freiheit zu tun.

Und nein, ich glaube nicht, dass man heute weniger sagen kann, als früher. Generell werden Gesellschaften sensibler für die Bedürfnisse und Empfindlichkeiten von Minderheiten, nachdem man diese Jahrhunderte lang mit Füßen getreten hat. Das empfinde ich grundsätzlich auch als eine begrüßenswerte Entwicklung. Noch dazu müssen die, die vollkommen Empathie-befreit jeden noch so geistlosen Gedanken äußern mit teils lauten Widerspruch klarkommen, was diese Ego-technisch wiederum nicht schaffen und dies sofort als Zensur abtun. Ich würde nicht sagen, dass es so etwas wie Cancel Culture nicht gibt, sehr wohl aber wird diese immer schnell beschworen, nur weil jemand als Idiot bezeichnet wurde, weil sie oder er meint das der Mond aus Käse besteht.

Gesetzlich ist die Meinungsfreiheit in Deutschland heute nicht weniger ausgeprägt als vor zehn Jahren. Und grundsätzlich würde ich sagen, dass wir es als Gesellschaft auch aushalten (müssten), wenn jemand hanebüchenen Quatsch erzählt. Tun wir ja. Ich meine Christian Lindner ist Finanzminister for fucks sake! In Deutschland ist es z.B. verboten, den Holocaust zu leugnen. Das ist in anderen Ländern nicht der Fall. Theoretisch kann mir doch egal sein, wenn jemand postuliert “Ich denke nicht, dass das stattgefunden hat”. Dieser Mensch macht sich ja selbst lächerlich, muss mit dem Widerspruch klarkommen und gehört einer absoluten Minderheit an. Welche Gefahr geht von diesem Menschen schon aus? Oder Leuten die glauben, dass die Erde eine Scheibe ist oder die Mondlandung inszeniert war? Welchen Schaden richten diese Menschen real an?

Aber natürlich gibt es ganz andere Beispiele. Donald Trump zum Beispiel ist der König der Fake News und diese spalten nicht nur politisch eine Gesellschaft, sondern sie kosten real Leben. Ich frage mich aber, ob man diese Spaltung hätte verhindern können, wenn man Widersprüche besser aushalten würde? Wenn man sich gegenseitig besser aushält. Trump und all die anderen Despoten sind ja nie der Anfang einer Entwicklung, sondern nur dessen Folge.

Ich bin auch nicht bereit bestimmte Grundsätze zu diskutieren. Wenn mir zum Beispiel jemand klar machen möchte, warum Frauen weniger wert sind als Männer, oder warum “der Ausländer” der Urkartoffel unterlegen ist, weiß ich nicht, was ich mit solchen Leuten diskutieren soll. Man wird mich zum Beispiel nicht davon überzeugen können, warum Rassismus vielleicht doch eine gute Idee ist. Aber abgesehen von einigen, wenigen Grundüberzeugungen, möchte ich wieder viel offener für andere Standpunkte und Sichtweisen sein. Ich kann dabei doch nur gewinnen. Entweder lerne ich etwas Neues, oder es gelingt mir, meine Argumentationsfähigkeiten zu verschärfen und unter Beweis zu stellen.

Ich kann jedenfalls nur sagen, dass ich in den letzten Tagen ein paar Dinge gelesen habe, die ich sonst vielleicht nicht gelesen hätte. Und das tut mir gut, denn es fordert mich. Nicht nur das es mich gerade ablenkt, es fordert mich und das fühlt sich gut an. Bock auf Wachstum und so.

Bild Quelle : wts.com

Add comment

By Ben
BENSTAGE 19.1 Next Level Failure

Recent Posts

Recent Comments

Archives

Categories

Meta