BENSTAGE 19.1 Next Level Failure

Liberté, Egalité, Fraternité

Vor ein paar Wochen hörte ich einen Podcast in dem es hieß, dass es sehr wahrscheinlich sei, dass Marcon und Le Pen bei der nächsten Wahl in die Stichwahl gehen würden. Das dies am Ende sogar Macron recht sein könnte. Die Franzosen könnten ihrem Frust Luft machen und schalten so gleichzeitig die Konkurrenten im eigenen politischen Spektrum aus, während die Mehrheit dann in der Stichwahl natürlich doch den Demokraten, statt die rechte Extremistin wählt. Am Ende könnte man dann noch sagen, dass sich die Mehrheit der Franzosen ganz klar gegen die Rechten positioniert hat, was diese letztlich noch schwächen könnte. Soweit das Drehbuch, aber was, wenn es anders kommt? Was, wenn Le Pen in Zukunft die Geschicke Frankreichs führt?

Nun, nach Corona, dem Krieg in der Ukraine, wäre dies die nächste, internationale Katastrophe. Denn eine Rechtsextremistin in Frankreich hätte nicht nur Folgen für das Land am Mittelmeer. Ob es direkt das Ende der Europäischen Union wäre, weiß ich nicht, aber mit Sicherheit würde es dem eh schon angeschlagenen Bündnis erheblich schaden und im besten Fall dafür sorgen, dass es handlungsunfähig wird. Zumindest in der deutschen Wahrnehmung sind die beiden wichtigsten Länder in der EU Deutschland und eben Frankreich. Ohne die Franzosen, wird es längerfristig keine EU geben, so wie es diese nicht ohne Frankreich geben würde.

Auf Twitter las ich, Marcon und Le Pen, das wäre halt so wie wenn hier nur Christian Lindner oder Alice Weidel zur Wahl stünden. So scheiße ich Christian Lindner und die FDP finde – und ich finde beide hart scheiße – deswegen wähle ich noch lange keine Faschisten. Und ja, ich weiß, dass es in der FDP nicht wenige gibt, die der AfD näher stehen als mir lieb ist, was man einst unrühmlich in Thüringen unter Beweis gestellt hat und dennoch: die FDP ist eine beschissene Egoisten-Partei, steht aber eben dennoch fester auf dem Boden unseres Grundgesetzes als die Partei der Hetzer und Spalter. Für mich wäre auch das keine schwere, sondern letztlich eine ziemlich einfache Wahl.

Eine französische Kollegin sagte mir, dass die Franzosen eben hart frustriert sind. Viele wollen den Systemwechsel, die sechste Republik, der Marcon bereits die Absage erteilt hat. De facto ist es so, das die Stimmen derer die Macron nicht wählen – also ca. 70% – in der Regierung nicht vertreten sind. In einem Mehrparteiensystem wie Deutschland, gibt es zumindest die Opposition. Wie wichtig oder befriedigend das ist, kann jeder für sich selber entscheiden. Viele Franzosen haben aber kein bock mehr auf Präsidialsystem. Kein Plan wie Le Pen dazu steht, mit Sicherheit lässt sie sich nicht wählen um sich dann abzuschaffen, aber es reicht ja schon, wenn sie solche Ideen nicht so radikal ablehnt, wie das Macron tut.

Nächste Woche gilt es. Ich muss sagen, ich bin nicht bereit für eine weitere Katastrophe. Ich habe kein Plan, ob Marcon ein guter Präsident ist, oder nicht. In Sachen EU gab es ein paar starke Reden, deren Effekte ich mir aber nicht sicher bin. Ich kann überhaupt nicht einschätzen, was da passieren kann. Ein Teil denkt mir, dass die Mehrheit der Franzosen nicht so durch sein kann, dass sie dieser Extremistin zu wahrer politischer Macht verhelfen wollen. Andererseits hat sie ja auch daran gearbeitet, ein bürgerlicheres (wie ich diesen Begriff verachte!) Profil zu erlangen. So wird sie im aktuellen Wahlkampf ja nicht mal als die schlimmste Hetzerin wahrgenommen. Ich hoffe auch die Vernunft der Mehrheit. Im Jahre 2022 klingt das fast wie ein schlechter Witz.

Foto : Thibault Camus / AP

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