BENSTAGE 19.1 Next Level Failure

Bevolution

Es geht mir nicht gut. Ich glaube, dass ich die letzten Tage so etwas wie einen emotionalen Zusammenbrauch erlebt habe oder noch erlebe. Was genau das ausgelöst hat, möchte ich hier nicht teilen und so sehr es mich umtreibt, ich glaube auch, dass das am Ende nicht wirklich wichtig ist. Viel mehr ist es der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ein Fass, welches ich nun mit viel Leidenschaft jahrelang mit allen möglichen Giften gefüllt habe, um darin zu ertrinken. Gefühle über die ich oberflächlich zwar immer wieder spreche, aber mit dessen Kern und Ursache ich mich sehr lange nicht beschäftigt habe, wenn ich das überhaupt je habe.

Ich habe Depressionen. Schon viele Jahre. Auch das war für mich nie wirklich ein Tabu-Thema, nichts was mir peinlich ist oder etwas besonderes. Warum sollte es auch? Ein gebrochener Arm ist mir ja auch nicht peinlich, warum sollte es also eine mentale Erkrankung sein? Das sage ich mir zumindest. Stimmen tut das so nicht ganz. Es gibt Kreise, da kann ich offen darüber reden, weil natürlich irgendwie fast jeder damit zu tun hat und in anderen Kreisen, darf es schlicht kein Thema sein. Ich habe gute und weniger gute Phasen, frei bin ich von den dunklen Gedanken aber schon seit Jahrzehnten nicht mehr gewesen. Dämonen. Es fällt mir leichter mir dass, was in mir schlummert und an meiner Vernichtung arbeitet, als Fremdkörper vorzustellen, als bösartiges Etwas, welches in mir wütet und letztlich ja auch an der Vernichtung der Grundlage seiner eigenen Existenz arbeiten. Schöner Satz. Wirklich clever sind die Deppen eben nicht. Bert und Holger. Scherz, Namen haben ich diesen miesen Wichsern nie gegeben. Und sicherlich sind es mehr als Zwei. Manchmal fühlt es sich so an, als würden die Penner wilde Orgien in meinen Synapsen feiern. Wenigstens einer, der in diesen grindigen Körper Sex hat. Da, da war es wieder: dieser Humor der als Ziel immer nur sich selbst hat. Diese pseudo-humoristische Form der Selbstkasteiung habe ich in den letzten Jahren zur Kunstform erhoben. Mache ich den Gag, kann ihn kein anderer mehr machen. Und immer, werde ich mich relativieren. “Ich habe zwölf Kilo abgenommen. Toll? Na ja, hab ja nichts wirklich getan, ich gehe ja nur regelmässig mit dem Hund. Ist ja mehr seine Leistung”. Scheiß Arschloch-Depression, lass mir dich mal ein paar Erfolge … Ich hab keine wirklich schlimme Form von Depression. Glaube ich zumindest. Zumindest funktioniere ich, bin ein produktives Mitglied der Gesellschaft und deswegen auch irgendwie unsichtbar. So fühlt es sich auf jeden Fall manchmal an. Irgendwann, nimmt man sich ja auch selbst zurück und wird grau. Dabei, statt mittendrin.

Ausgelöst von jener unbenannten Sache, schreite ich gerade durch ein ziemlich finsteres Tal. Denke ich an diese Sache, möchte ich weinen, schreien und mich winden. Es fühlt sich irgendwie an, als würde ich lebendig verbrennen. Auch wieder einer dieser blödsinnigen Vergleiche. Ich bin noch nie lebendig verbrannt, woher soll ich wissen, wie sich das anfühlt. Ich habe mal von dem Moment des Sterbens geträumt. Also wirklich dem Moment, wenn die eigene Existenz erlischt. Irgendwie fühlt sich das ähnlich an. Es ist nicht das erste und es wird nicht das letzte Mal sein, dass ich so etwas erlebe. Mich deswegen wie ein Häufchen Elend fühle. Es ist an sich auch nicht wirklich schlimm, es fühlt sich nur so an, als könnte ich das nicht mehr. Ich habe das Gefühl, dass ich mehr als dies nicht mehr ertragen kann. Das ich die Grenzen meiner Kraft erreicht habe. Das es nicht mehr weiter geht.

Ich weiß nicht ob ich am Wochenende bereits den tiefsten Punkt erreicht habe oder ob dieser noch bevor steht. Doch habe ich das Gefühl, dass sich etwas verändert. Das ich in meinen Grundfesten erschüttert wurde. Nichts könnte weniger wahr sein, denn an sich, ist alles wie immer. Doch beginne ich gerade zu glauben, dass hier etwas Gutes passiert. Etwas Notwendiges zumindest. Es fühlt sich gerade so an, als entstünde Bewegung. Nicht gewollt, aber eben doch Bewegung. Als würde etwas, was eingerostet und starr war, sich langsam lösen. Bewegung, wo nun so viele Jahre Stillstand herrschte. Das muss am Ende gut sein.

Einsamkeit. Das beherrschende Thema meiner Existenz der letzten zehn Jahre (und vieler Jahre davor), ist Einsamkeit. Die Angst vor Zurückweisung, dem nie genug sein und das ewige letztlich einfach nicht wirklich wichtig zu sein. Für niemanden. So nachvollziehbar die Frage nach dem “Warum bin ich für XYZ nicht gut genug?” ja auch sein mag, langsam glaube ich, es ist die falsche Frage. Zumindest aber nicht die erste, mit der ich mich beschäftigen sollte. Ich glaube langsam, ich stelle mir seit Jahren die falschen Fragen. Zunächst sollte ich doch einmal verstehen, warum mir Einsamkeit so weh tut. Wir sind soziale Wesen und wir brauchen irgendeine Interaktion mit unseren Mitmenschen, sei es kollegialer, freundschaftlicher, sexueller oder romantischer Natur. Das ist schon klar. Ich hatte jedoch einen Gedanken, der mich seitdem nicht los lässt: Ich sehne mich vor allem deswegen nach anderen Menschen, nach Bestätigung, weil ich mir selbst nicht genug bin. Ich bin ein Kümmerer. Ich verspüre vor allem dann einen gewissen Wert, wenn ich für andere da sein kann. Ich löse gerne Probleme. Nur nicht meine eigenen. Die sind irgendwie selten wichtig. Wichtig genug. Das ist erschütternd. Von allen Menschen die ich je getroffen habe und werde, wird es unter Garantie doch nur einen geben, mit dem ich den Rest meiner Existenz verbringen muss: Mich selbst. Alle anderen sind optional oder temporär. Aber ich bin für immer da, nun so lange, wie diese Existenz eben dauern soll. Das muss mir endlich mal klar werden.

Fakt ist, ich kann mich nicht sonderlich gut leiden. Ich hasse mich zwar nicht und ich würde immer sagen, dass ich ein paar sehr gute Eigenschaften besitze, aber ein Fan bin ich nicht von mir. Nie gewesen. Von Liebe gar nicht zu sprechen. Dabei habe ich auch immer etwas zusammengezuckt. Sich selbst lieben? Das ist was für die anderen, die Arroganten, die Selbstsüchtigen, die Selbstdarsteller. Nein man, ist es eben nicht! Es ist verdammt noch mal notwendig um irgendwie klar zu kommen. Wie sollen andere mich schätzen, mich mögen, gar lieben, wenn ich das selbst nicht kann? Zumal es unfair ist, von anderen Menschen zu verlangen, dieses Loch in einen zu füllen. Was für eine gewaltige Verantwortung! Und wenn es diese Menschen dann nicht mehr gibt, ist man schlimmer im Arsch, als zuvor. Das sind alles keine wirklich neuen Erkenntnisse, jeder Taschenkalender schockt da mehr. Aber für mich ist das irgendwie neu. Natürlich ist es das nicht, ich weiß das alles, habe das alles schon gelesen aber eben nie verinnerlicht. Ich habe das nie gefühlt. Ich glaube, ich hoffe, ich tue es jetzt. Schmerz, ist eine Grundlage von Wachstum, heißt es. Nun, ich habe Schmerzen. Jetzt muss ich nur noch dafür sorgen, dass sich das auch lohnt!

Letztlich, geht es um Bestimmung, die ganze große Frage: warum bin ich eigentlich hier? Ich mochte das englische Wort Purpose immer mehr als Zweck oder Bestimmung. Bestimmung klingt fremdgesteuert, das war mir immer zuwider. Was will ich mit meiner Existenz eigentlich anfangen? Ich weiß, das so ein Leben ziemlich schnell vorbei sein kann. Ich bin dem Tod das erste Mal mit Acht Jahren begegnet. Damals nickte der Typ mir zu und meinte “Jetzt nicht Kleiner, aber wir sehen uns wieder. Also mach was draus …” Hab ich das? Es fühlt sich auf jeden Fall nicht so an. Ein Karrierchen im Mittelmanagement ist jetzt auch nicht wirklich etwas, worauf man stolz sein kann. Zumindest zählt es am Ende nichts. Nun weiß ich ja eigentlich, was ich mit meinem Leben anfangen möchte, was ich für mich tun möchte. Zumindest habe ich diese Idee und das schon sehr lange. Und vielleicht klappt sie am Ende nicht, aber ich kann es ja probieren. Aber ich tue es nicht – und warum das so ist, dass ist denke ich der Kern allen Übel …

Ich will besser werden. Ich muss besser werden. Denn diese Sache macht mir klar, dass meine Kraft langsam aufgebraucht ist. Was am Ende dessen wartet, will ich nicht wissen. Weil ich es ganz genau weiß. Ich muss das also verhindern. Ich muss besser werden. Ich muss also anfangen, mir die richtigen Fragen zu stellen. Ich muss gefühlt so vieles tun … Ich versuche bereits seit Monaten gesünder zu leben. Mehr Bewegung, bessere Ernährung, mehr Schlaf, weniger Stress, Gewichtsverlust. Ich mache bei allen Dingen Fortschritte. Nicht rasant, aber stetig. Und ja, ich kann darauf ein wenig stolz sein verdammt! Ich bewege mich was das angeht schon ein paar Monate in die richtige Richtung. Vor der mentalen Arbeit hatte ich aber Angst, bzw. dachte ich auch, dass es mir besser geht, ich stabiler bin, als das offensichtlich der Fall ist. Ich habe in meinem Leben bisher zwei Gesprächstherapien versucht. Beide hatten letztlich glaube ich keinen besonderen Effekt. Ich bin dem Thema gegenüber grundsätzlich offen, dachte aber, dass ich es probiert hätte und das für mich eben nicht funktioniert. Lose denke ich die letzten Jahre darüber nach dem noch einmal eine Chance zu geben. Nun bemühe ich mich aktiv um einen Therapieplatz und hatte bereits erste Sprechstunden. Der Weg kann aber lang und holprig sein, aber ich werde dran bleiben. Und hier darüber berichten. Ich glaube, ich mache gedanklich gerade Fortschritte, aber ich denke auch, dass ich Hilfe dabei brauche. Schaden, kann es wohl auf keinen Fall.

Warum schreibe ich das hier auf? Weil ich mir glaube ich ein wenig Öffentlichkeit wünsche. Weil ich mich nicht mehr verstecken mag. Weil es mir vielleicht helfen wird, diese Gedanken, Fortschritte, Rückschläge zu teilen. Diesen Blog kennt eh kaum jemand. Er dümpelt seit Jahren vor sich hin. Was schade ist. Ich habe mir das eine Werkzeug was mir immer eine Hilfe wahr genommen und es verkommen lassen. Ich will dies – mal wieder – zurückerobern. Mir schreibend auch wieder selbst helfen. Zusätzlich zu einer Therapie. Ich gehe nicht davon aus, dass es viele interessieren wird. Darum geht es auch nicht wirklich. Aber ich will die Möglichkeit schaffen. Ich habe diesen Blog mit meinem privaten Twitter Account verbunden und während ich mein Profil dort aufräume, alle anderen lösche, will ich wieder mehr teilen, was sich in mir abspielt. Etwas weniger unsichtbar werden. Ob andere damit was anfangen können oder nicht, entscheidet jeder selbst und das ist gut so. Ich teile mich mit ohne aufdringlich zu sein. Das gefällt mir.

Ich bin nicht nur meine Depression. Mein Weg zu einem besseren oder gesünderen Ich will ich hier ebenso dokumentieren, wie auch (wieder) andere Dinge. Ich habe viele Interessen und die will ich wieder mehr ausleben oder ihnen überhaupt Raum geben. Zeit. Für mich klingt das nach sich selbst genug sein, denn das war ich mal. Oder zumindest, mehr als jetzt. Meine Hobbies sind glaube ich eher einsamer Natur. Schreiben, tut man für sich. Das ist okay. Aber man kann andere an den Ergebnissen oder auch Prozessen dessen teilhaben lassen. Und vielleicht finden sich auch andere Dinge, die nicht ganz so einsam sind. Ich weiß noch nicht, wo genau die Reise mit diesem Blog hingehen wird. Aber ich weiß, dass ich mich aufmachen möchte. Bevolution. Raus aus der Lethargie. Ich will lernen, besser zu mir zu sein, ich will mir verdammt noch mal genug sein. Ich will zufrieden mit mir sein. Und das geht. Schritt für Schritt. Ich werde jetzt lernen an mich zu glauben.

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By Ben
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