BENSTAGE 19.1 Next Level Failure

#Beschneidung

Vor kurzem trendete der Begriff #Beschneidung. Ein Thema, welches immer mal wieder kontrovers diskutiert wird. Dazu ein paar unzusammenhängende Gedanken:

  1. Als Atheist finde ich jede Art von religiöser Tradition welche einen vorschreiben will wie man zu leben hat, was man darf oder nicht, ob man sich etwas abschneiden lassen oder etwas wachsen lassen soll, gleichermaßen albern. Dogmatische Religionen funktionieren natürlich nicht ohne Regeln, drakonische Strafen und der Angst vor dem Teufel, aber auf das reduziert was es ist – vollkommen willkürliche Regeln, gemacht um zu uniformieren und zu beherrschen, kann man dies als Freiheitsliebender Mensch an sich nur ablehnen, finde ich.
  2. Selbst als Atheist würde ich jederzeit das Recht auf freie Religionsausübung verteidigen, wie sie von unserem Grundgesetz garantiert wird. Dazu stehe ich. Ich verstehe unser Grundgesetz aber auch so, das ich selbst kein Fan von Religion sein muss. Jede Religion, die sich mit unserem Grundgesetz vereinbaren lässt, akzeptiere ich. Respekt im Sinne von Wertschätzung, kann und will ich Religion aber nicht entgegen bringen – und das muss ich auch nicht. Toleranz, reicht ja vollkommen. Was im Einklang mit unserem Grundgesetz steht, akzeptiere und toleriere ich. Dies gezwungenermaßen, aber auch aus Überzeugung.
  3. Gleichzeitig – und da bin ich auch vollkommen ehrlich – wünsche ich mir, dass die Menschheit als Ganzes dogmatische Religion irgendwann hinter sich lässt. Meinetwegen war das mal notwendig, damit wir kapieren was Moral und Ethik sind und man nicht einfach so Leute kaputt kloppt, aber das sollten wir inzwischen auch ohne die Angst vor dem Beelzebub hinbekommen. Ich bin der festen Überzeugung, dass dogmatische Religionen mehr Schaden angerichtet haben, als das sie uns genutzt haben. Steht dies nun im Widerspruch zum Zweiten Punkt? Nein, denn ich lobbyiere ja nicht dafür Religion zu verbieten. Ich wünsche mir einfach, dass der Mensch Religion irgendwann überwindet. Ganz friedlich. Letztlich ist es doch so: Gott stirbt, wenn der letzte Mensch der an sie geglaubt, sie vergessen hat.
  4. Die Beschneidung finde ich genauso behämmert wie aus religiösen Gründen dieses oder jenes nicht zu essen, aber genauso wie bei der Ernährung finde ich das total unproblematisch, wenn das jemand aus Überzeugung und eben freien Stücken tut. An der Beschneidung stört mich, dass es Eltern sind, die diese unumkehrbare Entscheidung für ein kleines Kind treffen, was dem nicht widersprechen kann. Na klar, Tradition. Aber im Deckmantel der Tradition passieren ja auch ganz andere Blödsinnigkeiten. Ich würde nicht soweit gehen es Verstümmelung zu nennen, es ist nicht zu vergleichen mit der gewalttätigen Genitalverstümmelung bei Mädchen, aber es ist trotzdem problematisch. Und auch im Sinne der Religion, wäre es doch die viel stärkere Botschaft, wenn sich der junge Mann freiwillig für diese Zeremonie entscheidet, aus voller Überzeugung, vor allem eigener Überzeugung sich zu seiner Religion bekennt, oder nicht?

Dies ist eines der wenigen Themen was wir nicht so ohne weiteres diskutieren können, denke ich. Wie bei allen religiös-motivierten Themen, wird es hier schnell kontrovers. Spricht man sich gegen die Beschneidung aus, ist man ganz schnell nicht nur ein Feind von Religion an sich, sondern im schlimmsten Fall gleich noch Antisemit. Die Politik ist hier extrem zurückhaltend, auch und vor allem, weil in unserem Land eben Religionsfreiheit herrscht. Das soll wie gesagt auch so bleiben. Dennoch ist fraglich, wie das mit dem Recht auf Selbstbestimmung vereinbar ist – gerade wenn man sich jetzt vorgenommen hat, die Rechte von Kindern im Grundgesetz zu stärken. Ich bin gespannt, ob das im Zuge dessen Thema wird. Eltern entscheiden für ihre Kinder, bis diese volljährig oder geschäftstüchtig sind, aber sollte das so etwas abdecken? Das ich als Kind getauft wurde, passierte ebenso ohne meine Zustimmung, blieb aber auch folgenlos. Mit meinem Austritt aus der Kirche als ich 18 wurde, blieb von meiner christlichen Prägung nichts übrig. Bei jeder Art von Kritik sind die Verteidiger der Beschneidung sofort alarmiert und fühlen sich angegriffen und schalten auf Verteidigung. Ein Dialog ergibt sich so selten. Das zum Beispiel, irritiert mich extrem. In einem freien Land, sollte man doch über alles oder vieles zumindest diskutieren können, oder nicht? Und hier ist vielleicht mein grundsätzliches Problem mit Religion: nach meiner Überzeugung stehen unsere Gesetze, unser Grundgesetz über den Geboten jeglicher Gottheiten. All das, hat sich unserem Grundgesetz unterzuordnen. Geht das, geht auch die Religion. Wenn nicht, dann nicht. Als religiöser Mensch, sehe ich das sicherlich anders. Da steht natürlich nichts über dem Wort meines Gottes. Staat und Gott lässt sich am Ende nicht vereinbaren, denke ich.

Ich bin dennoch dagegen das der Staat Beschneidungen grundsätzlich verbietet. Nicht dass das irgendwer politisch gerade fordert. Es mag mir nicht gefallen und ich halte es für absoluten Humbug, aber es ist nunmal Teil von verschiedenen Religionen. Und die soll man auch in Deutschland friedlich ausleben dürfen. Aber ich denke es bedarf eines Kompromiss und dieser wäre eben, dass die grundlose (d.h. medizinisch nicht notwendige) Beschneidung an Kleinkindern nicht erlaubt ist, bzw. ist sie dies ja auch gesetzlich nicht, aber sie bleibt eben straffrei. Das würde ich tatsächlich ändern und sie bei Strafe verbieten. Stattdessen würde ich ein Mindestalter vereinbaren. Kein Plan was da okay wäre, halt ein Alter in dem wir es einen Jungen zutrauen darüber bewusst selbst zu entscheiden. Solche Vorschläge hat es natürlich schon gegeben und sie werden sofort erstickt, weil eine sachliche Diskussion bei dem Thema nicht möglich ist, was ich schade finde. In der Politik will sich niemand damit die Finger verbrennen, zu groß die Angst vor dem Shitstorm. Auch das, finde ich schade. Wir müssen auch in der Lage sein, kontroverse Debatten auszuhalten. Die Lösung wäre für mich wie gesagt nicht Schwarz oder Weiß, sondern ein simpler Kompromiss. Simpel für mich, der nicht religiös ist. Als überzeugter Gläubiger, verlangt dieser Kompromiss die Abkehr oder Abwandlung einer Jahrtausend alten Tradition. Das fällt natürlich schwer, kommt einem Sakrileg gleich. Ist vermutlich undenkbar. Das verstehe ich sogar. Ich denke aber, dass wenn Religion in einer sich immer weiter globalisierenden Welt relevant bleiben möchte, sie keine andere Wahl haben wird, als sich anzupassen. Der Anspruch von dogmatischer Religion ist aber, dass sie für die Ewigkeit ist, über jeden Wandel erhaben. Der Moderne auf Ewig trotzend. Schon alleine weil dies im krassen Gegensatz zur Evolution steht, werden Religion und ich keine Freunde mehr.

Foto : Elvert Barnes

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By Ben
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