BENSTAGE 17.4 Von der Chance einer Möglichkeit

Stille

Ich schließe die Augen und atme aus. Lange halte ich den Atem an bis ich fast ersticke. Ich spüre die Lustvollen Blicke des Todes doch lasse ich ihn nicht gewähren. Heute nicht. Ich lausche den Klängen lautloser Melodien. Ich spüre die Noten auch wenn ich sie nicht höre. Ich sehe die Schwingungen, schmecke die Klänge einer anderen Welt. Die Welt um mich herum beginnt sich aufzulösen, die Realität weicht meinen Gedanken und die Zeit steht still. Eure Zeit. Langsam öffne ich die Augen, das Unbewusste um mich herum beginnt sich in vertraute Gebilde zu formen. Universen kollidieren, Planeten erscheinen und verschwinden wieder, Sterne rasen über einen fantastischen Himmel hinweg. Unbegreifliche Farben und Klänge spielen miteinander. Alles ist in Bewegung, alles ist im Werden oder vergeht wieder in der Unendlichkeit.

Ich stehe dort auf einen Berg aus Worten, Ideen und Gedanken und schaue auf den Horizont, sehe wie Metropolen majestätisch in die Nacht empor steigen und wieder versiegen. Dieser eine Ort, an dem alles möglich ist. Alles und nichts. Nur das, was ich in der Lage bin mir vorzustellen. Hier, bin ich der Architekt aller Dinge. Der Herr über Raum und Zeit und der Meister des Sein. Ein Universum der Einsamkeit, der Melancholie und des schönen Scheiterns was ich immer dann besuchte, erdachte, wenn die Worte mich verließen, wenn ich stumm wurde und der Realität nichts mehr entgegen setzen konnte. Oder wollte. Wenn wieder einmal jemand anderes den Sieg davon getragen hatte und ich verzweifelt am Boden lag. Der Kontrolle die ich nie hatte einmal mehr beraubt.

Ich war ein Reisender, zum Finden berufen und zum Suchen verdammt. Niemals wirklich ankommen wollend, vom grausamen Gedanken gejagt irgendwann einmal nur noch zu sein und nicht mehr werden zu können. Die Flucht in andere Welten, meine Welten, dessen Beschreibung mir stets so schwer viel. Weil ich sie nicht beschreiben wollte sondern viel lieber mit denen die es verdienten, geteilt hätte. Wie erklärt man anderen die Faszination des Dunklen, die Schönheit des Bösen und die Anmut der Vernichtung? Wie lässt man andere das Wunder der Persönlichkeit, die Reinheit des Werden spüren?

In mir ist es stumm. Und das macht mir angst. In mir, war es nie so leise wie heute. Und wenn es nur der Lärm unzähliger Gedanken und Ideen war die durch meinen beschränkten Geist rasten und an den Mauern der Realität zerschellten. Doch war dort immer Bewegung. Irrsinnige Bewegung. Mochte ich für die Menschen noch so stumm erscheinen, stets war dort ein gewisses Feuer in mir. Immer waren meine Gedanken in Bewegung. Sets strebten die verbrannten Äste meiner Seele den Sonnenstrahlen die sie verkohlten entgegen, sich der Hoffnung auf ein besseren Morgen hingebend. In mir war es nie leise.

Doch heute ist es anders. Ich reise nicht mehr. Ich schreie nicht mehr. Ich wundere mich nicht mehr und ich träume nicht mehr. Ich wiederhole die Bilder vergangener Tage wenn ich schlafe, doch ich träume nicht mehr. Ich steige nicht mehr in die Tiefen meiner Selbst hinab und ich erschaffe keine Realitäten mehr. Etwas ist passiert und ich überließ der Realität das Steuer. Ich ergab mich dem Moment und den Strippen einer fremden Macht. Ich hänge mich an das Hier und Jetzt ohne die Idee eines Morgen. Der Spieler der zur Puppe wurde. Ich bin und habe aufgehört zu versuchen zu werden. Was ist, wenn das was ich bin, alles ist, was ich je werden kann? Wenn ich bin, was ich sein soll? Wenn dies, das Beste ist was ich kann?

Ich erlaube es mir nicht mehr, diese Welt zu Gunsten einer anderen zu verlassen. Und ich frage mich, ob es diesen Ort in mir überhaupt noch gibt. Wann immer ich diese Ebene erdachte, war sie dunkel und einsam doch auch voller kleiner Wunder. Sie wirkte kühl, doch fror man nicht. Wenn ich heute daran denke, stelle ich mir diesen Ort wie eine verlassene Stadt vor. Vom Leben verlassen, verfallen und verkommen. Doch ohne Raffinesse, ohne das die Ruinen spannende Geschichten von Früher erzählen würden. Ein bedeutungsloser Ort, vom Staub des Vergessen bedeckt. Ich hatte nicht mal die Kraft, diese Welten ein für alle mal zu vernichten. Ich habe sie einfach verlassen und sie sich selbst überlassen. Wie eine Blume ohne Wasser und Licht, vertrockneten sie und starben. Oder sie schlafen. Einen langen, geistlosen Winterschlaf.

Ich bin ein Herr ohne Land. Dem Wertvollsten was ich je wirklich mein nennen konnte, beraubt. Verlassen von dem was mich zumindest in meinen Augen einzigartig machte.

Es ist furchtbar einfach nur zu existieren. Zu sein ohne sich selbst zu spüren. Dann und wann verfolgen mich dunkle Gedanken. Dämonen die um meine Seele kreisen. Bereit anzugreifen und ihr Glück zu versuchen. Das war immer so doch selten habe ich mich so vor diesen Gedanken gefürchtet. Wann immer ich nicht weiter wusste, waren es Worte die mir halt gaben. Die anderer, doch vor allem meine eigenen. Ich fand eine Heimat in Gedanken und Gefühlen. Ich konnte unerträgliches ertragbar machen wenn es mir gelang, dafür Worte zu finden. Sie waren mein Schlüssel zu anderen Welten. Der Beginn und das Ende großer Dinge.

Ich bin wortlos. Fühle mich fremd und von dem was ich glaubte zu sein unendlich weit entfernt. Schreiben fällt mir schwer, wird zur Qual, zur Aufgabe wo es doch Therapie sein sollte, wo es mir Trost und Balsam sein sollte. Leidenschaft und Liebe. Belohnung. Ich fühle mich gefangen an einem Ort an dem ich nicht sein will. Immer älter werdend doch sich nicht mehr verändernd. Früher war die Grenze des Möglichen nur mein Verstand, heute scheint alles zu viel. Kein Wunder mehr und keine Sehnsucht. Auch kein Schmerz, jedenfalls nicht wirklich. Es ist wie das feine Rauschen der See. Immer da, doch irgendwann spürt man nicht mal mehr das. Und ich frage mich, was passiert wenn nicht mal mehr Schmerzen Bedeutung haben. Und beinahe wünsche ich mir, mehr davon zu spüren. Ich existiere in einem Zustand aus Bedeutungslosigkeit, Mensch-gewordenen Grautönen. Dort wo zumindest Schmerz einigen einen Grund zu leiden gibt, zu sein, spüre ich kaum etwas. Sehnsucht, aber auch diese wird leiser. Alles ist leiser und erträglicher geworden. Und ist das nicht gut? Doch gibt es einen keinen Grund mehr einen tanzenden Stern zu gebären.

Ich sehne mich nach anderen Tagen. Nach Bedeutung, selbst wenn sie der Dunkelheit entspringt. Ich wünsche mir das Messer zurück mit dem ich in meiner Seele rühren kann. Es erscheint stumpf und glanzlos. Noch immer erscheint mir das Glück wie ein flüchtiger, trügerischer Reisender dessen Sprache ich nicht verstehe, dessen Blicke mir Angst einflößen und dem ich nicht traue. Niemals zuvor misstraute ich der Dunkelheit in mir. Und manchmal befürchte ich, dass ich ohne sie gar nichts mehr habe an dem ich mich klammern kann. Das es ohne dies, nichts gibt was mich als Individuum auszeichnet. Ich weiß zu wenig über Glück, verstehe nicht wie man genießt und Dinge von purer Schönheit in seinem Inneren konserviert. Die schönen Dinge die ich in mir verewigt habe, quälen mich und klagen mich an. Sie werden zu grausamen Zeugnissen meines Versagens als Mensch.

In mir ist es immer noch zu stumm. Ich will erwachen und schreien. Ich will das erste mal in meinem Leben atmen und spüren, das ich lebe. Ich will geboren werden und die Welt begreifen. Ich will meine Augen kennenlernen und sie zum Fenster meiner Seele machen. Ich will aufrichtig sein und Gutes tun. Mir und dir. Ich will meine eigenen Welten erschaffen und sie beschreiben. Ich will nicht mehr wollen.

Er überflog den Text und empfand nichts. Er haderte und drückte dann doch veröffentlichen statt löschen. Manche Dinge, brauchen Zeit dachte er.

Add comment

Kommentar verfassen

By Ben
BENSTAGE 17.4 Von der Chance einer Möglichkeit

About Author

Ben

Zum Finden berufen, zum Suchen verdammt.

Follow Me

Legales

Posts

Neueste Beiträge

Schlagwörter

%d Bloggern gefällt das: