BENSTAGE 17.4 Von der Chance einer Möglichkeit

Liebeskeller

Der Heilige Vater saß die Beine über die Lehne gechillt in seinem Thron und grinste. Sein mit goldenen und schweren Ringen besetzter Finger scrollte durch die Timeline seines Lieblings-Satire Accounts und blieb immer wieder an besonders schmutzigen und derben Tweets hängen. Er lachte. Er liebte Kirchenwitze. Das durfte natürlich nie einer erfahren, aber er konnte sich totlachen ganz besonders über die vielen Phedo-Witze. Klar, nichts davon war witzig, alles entsprach der Wahrheit, war so oder ähnlich tausendfach vorgekommen aber dennoch fand er es komisch. Jeder lustigen Geschichte wohnt auch ein Drama inne, oder wie war das. Er überlegte. War das kaltherzig? Ach was, er war schließlich anders. Er hatte nie etwas mit kleinen Jungs gehabt. Er stand auf Titten, auf Muschis, kleine Wiener-Würstchen waren nicht sein Ding. In der Tat verachtete er diese ganzen kranken Wichser. Und er hatte ja auch damit aufgeräumt, es zumindest versucht. Zumindest die hohen Tiere aus der heiligen Stadt verbannt welche ihren Schwanz nicht unter ihrer Kutte halten konnten. Penner. Letztlich war dieser Inzest-Moloch eh nicht zu retten. Er konnte nur hoffen, dass sie die scheinheilige Fassade von diesem Puff noch solange aufrechterhalten konnten, bis er ins Gras beißen würde. Allzu lange würde das auch nicht mehr dauern. Das war das geile an diesem Job, die Rente war schon beim Antritt ganz nahe. Er würde schließlich durchziehen, nicht wie dieser feige Ex-Nazi welcher dann einfach so die Kurve gekratzt hat. Verdammte Deutsche, nicht mal Stellvertreter Gottes konnten sie richtig. Nichts konnten sie. Wobei, er öffnete seinen Browser, die deutschen Amateur Pornos hatten was. Er wusste nicht genau was, aber irgendwie erregte ihn das teutonische Gestöhne von minderbemittelten Zonenschlampen. Er kratzte sich am Sack und roch anschließend an seinen Fingern. Mmm, nicht schlecht. Er spürte eine Erektion anschwellen, aber er hatte jetzt keine Zeit für so etwas. Oder doch? Sein Blick schweifte durch den riesigen, Thronähnlichen Saal. Alles ruhig, alles leer. Bis auf ein paar inhaltsleere Reden war es Ostern ruhiger als sonst. Sollte man gar nicht glauben, aber weil die Leute zuhause beteten, die Tage im Stillen verbrachten, gab es außer ein paar Auftritte und gut gemeinte Tweets nichts weiter zu tun. Der Rest wurde einfach von den letzten Jahren recycelt. Keiner der Verwirrten merkte das und die Medien wollten es nicht bemerken. Es war alles ein unheimlich schaler Witz. Er wechselte zu seinem Inkognito Account. Er liebte es seinen offiziellen Papst Account zu trollen. Wäre er gläubig, er wäre zu tiefst getroffen von den Hass-Tweets die er unter seine eigenen Papst-Tweets postete. Ab und an wurden welche gelöscht, inzwischen wusste er aber, was er vermeiden musste damit sie stehen blieben. Was er nur andeuten durfte. Besondere Freude machte es ihm sich selbst mit wissenschaftlichen Argumenten zu trollen. Er liebte die Wissenschaft, hatte eine solche Ehrfurcht vor allem, was man beweisen konnte. Nun, nicht vor allem freilich, aber er war fasziniert von Leuten wie Musk und Hawking. Als Heiliger Vater konnte er sich nicht zu sehr auf ihre Seite schlagen, aber auch außerhalb dieser ehrfürchtigen – er grinste verächtlich – Gemäuer, schlug er einen versöhnlichen Ton mit der Wissenschaft an. Sein Blick fiel auf den Account der Flat Earth Society. Diese Vollhonks. Er war ja kein Fan von drakonischen Strafen, aber diese Spaßten würde er am liebsten alle köpfen lassen. Generell war heute wieder so ein Tag, an dem er am liebsten die ganze Scheiße platzen lassen und das gesamte Christentum bloßstellen würde. Doch er hatte sich damit abgefunden, das es nicht an ihm war, die Welt mit der Wahrheit zu konfrontieren. Wahrheit, was soll das überhaupt sein. Wenn die Menschen wüssten was sich hier drinnen abspielt… Scheiße, er glaubte es ja selbst zu weilen nicht. Er griff dann oft zum Wein. Seine Vorgänger waren meist Kokser oder Stoner, das war irgendwie nicht seins. Auch wenn Wein nicht besonders einfallsreich war, so war er in Massen vorhanden und irgendwie schick. Ach scheiße, er würde sich doch mal eben einen schleudern. Vielleicht konnte er dann wieder einen klaren Gedanken fassen. Irgendwie war er unruhig und wusste nicht genau wie so.

„Heiliger Vater“, er schreckte hoch und verharrte mit der Hand an seinem steifen Glied. Er sagte nichts und schaute verdutzt in die schmalen Augen seines Kammerdieners. Sekunden verstrichen. Unangenehme Sekunden der peinlichen Stille. Langsam löste er die Hand von seinem Gemächt und zog sie vorsichtig aus seiner Kutte zurück.

„Ja, Bernard, was, äh, was gibt es?“

Bernard verzog keine Miene, hatte seinen Herrn bei weitaus peinlicheren Gelegenheiten angetroffen. An die wenigsten davon dürfte dieser sich erinnern, weil er zumeist hacke dicht war.

„Es ist Zeit, Heiliger Vater.“

„Zeit?“ Der alte Mann schaute ihn verwirrt an. Schon wieder eine Rede, er hatte doch erst gerade zu all den Verwirrten auf dem Petersplatz gesprochen. Wie viel Zeit war vergangen? War er schon wieder betrunken, nein, oder? Er schaute auf seine Uhr. Verwirrt schaute er in das ruhige Gesicht seines Dieners.

„Es ist… Zeit“ er räusperte sich, „der Erste April. 2018, Vater.“

Der Heilige Vater überlegte. Minuten vergingen, Bernard schwieg. Dann, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.

„Oh, 2018. Sind es schon wieder zehn Jahre?“ Bernard nickte sanft. „Nun“, der Heilige Vater richtete sich auf und schluckte, „dann bin ich wohl jetzt an der Reihe.“ Er stand auf, blieb einen Moment etwas ratlos stehen, war er passend genug gekleidet für diesen doch besonderen Moment? Für diesen historischen Augenblick den er vermutlich nicht noch einmal erleben würdE? Er blickte auf seine zitternden, von Altersflächen übersäten Hände. Er würde das sicher nicht nochmal machen. Er schaute auf seine roten Schuhe, sein weißes Gewand. Na klar war er festlich genug gekleidet, er war der Papst zum Teufel. Er lächelte Bernard an und zeigte ihn an, voraus zu gehen.

Sie machten sich auf einen langen Weg, immer tiefer drangen sie in das alte Gemäuer hervor. Immer dunkler, kleiner und spartanischer wurden die Gänge. Irgendwann waren sie so tief vorgedrungen, wo es keine Elektrizität mehr gab. Uralte Gänge und Verliese. Vor Jahrhunderten erbaut, vor der Öffentlichkeit verborgen. Irgendwie glichen sie den Höllen von Moria aus Herr der Ringe dachte der Papst. Bernard entzündete eine alte Fackel, wie verdammt romantisch das war. Nach Minuten betraten sie das unterste Kellerverlies, dort wo der Vatikan die unaussprechlichsten Dinge verscharrte. Dinge, die niemals ans Tageslicht kommen dürften, ansonsten wäre es nicht nur mit der Kirche aus, dachte er. Sie näherten sich dem hintersten Verließ. „Schon gut Bernard, von hier aus finde ich alleine den Weg“ sagte der Papst ruhig und wies Bernard an, ihm die Fackel zu überlassen.

„Gewiss mein Herr“, antworte dieser und senkte sein Haupt als er ihm die Fackel überlies und sich ins Dunkel zurückzog. Vorsichtig schritt der Heilige Vater voran. Es war totenstill. Nur seine eigenen Schritte waren zu hören. Schließlich stand er vor der Zelle. Das erste und sicher auch das letzte Mal. Die meisten Päpste kamen nur einmal während ihrer Regentschaft in den Genuss hier herunter zu kommen. Der Polen-Paul war einer der wenigen, der öfter hier war. Es war stockduster. Der weiße Mann hielt die Fackel näher an die Gitterstäbe und erschrak. Die Zelle war leer. Panik stieg in ihm auf, Es war entkommen. Verdammt, was sollten sie jetzt tun, er drehte sich zu Bernard um doch konnte er ihn in der Dunkelheit nicht entdecken, er dreht sich wieder zur Zelle und erschrak. Auf einmal stand es vor ihm. Nicht es, sie? Blöde Kuh! Er wich einen Schritt zurück und räusperte sich.

„Oh, du bist hier“ druckste er rum.

Das Wesen schwieg. Blickte ihn tief in die Augen und antworte schließlich matt „Wo sollte ich sonst sein?“

„Ja, wo, nun…“

„Du bist also der Neue, der aktuelle Stellvertreter?“ Der Papst lächelte beschämt. Nun, neu. Er machte den Job jetzt auch schon ein paar Jahre und Stellvertreter, naja…

„Ja, ich bin Papst Fran-“

„Mir egal wie du heißt. Ihr habt alle Namen, wie Individuen und doch erzählt ihr alle immer dasselbe. Ich habe schon vor langer Zeit aufgehört mir eure Namen zu merken. Es spielt einfach keine Rolle.“

„Nun, du weißt warum ich hier bin?“

„Ja, mein Herr, lieber Jorge, das weiß ich oder gefällt dir Mario besser?“ Der Papst starte das Wesen ungläubig an. „Mario also“, erwiderte es „Ihr kennt meine Antwort. Und ob ihr nun jedes Jahrzehnt oder jedes Jahrhundert herkommt, sie wird stets dieselbe sein.“

„Sei es wie es ist, unsere heiligen Traditionen verlangen das ich euch die eine Frage stelle, welche euch sofort von diesem Verließ befreien kann. Es liegt in euren Händen…“ er zögerte, weil er nicht wusste wie er es ansprechen sollte. Er hatte nicht mit einer Frau gerechnet, auch wenn er gehört hatte, dass das Wesen stets eine andere Erscheinungsform wählte. Einmal soll es ein Pottwal gewesen sein – ohne Wasser um sich herum. Das muss ein witziges Gespräch gewesen sein. Er war so darauf indoktriniert das es ein Mann war, dass ihm die wenig glamouröse Erscheinung des Wesen verwirrte.

„Wenig glamourös?“ nahm das Wesen seinen Gedanken auf. Es richtete sich zur vollen Größe auf und begangen aus seiner Mitte heraus zu strahlen. Es erhellte das gesamte Verließ, schien aus purer Energie, Schönheit und Brillanz zu bestehen. Es erstrahlte immer heller, es wurde zum Mittelpunkt des Universum, es wurde immer schöner bis es unerträglich zu werden schien. Schönheit und Erhabenheit die den Augen des unwürdigen Menschen weh taten. Eine Liebe, so brennend, dass es seine Netzhäute versenkte. Er wandte sich ab. Das Wesen erlosch langsam wieder und nahm die Gestalt der geschlagenen und verwahrlosten Frau an.

„Ist es das, was du unter glamourös verstehst, Unwürdiger? Ist es das was du unter einer Königin, deiner Herrin verstehst?“

„Meinem Herrn, wenn denn dann“ korrigierte er das Wesen.

„Ich kann sein, was immer ich will, Winzling“ erwiderte sie schnippisch. „Du sollst sein, was wir wollen das du bist, darum geht es. Bist du bereit, unsere Lehren zu vertreten, die Heilige Schrift zu ehren und der einen Kirche zu dienen, dann lassen wir dich sofort frei.“

„Vor Jahrhunderten habt ihr mich hier eingeschlossen. In Jahrhunderten werdet ihr es wieder tun. Zeit lehrt euch gar nichts. Als ich mich einst euch auf den Stufen dieses Tempels der Lügen offenbarte, habt ihr mich niedergestreckt und hier eingesperrt. Für Jahrhunderte vergessen, kommt ihr seitdem jedes Jahrzehnt und stellt mir diese bescheuerte Frage. Ob ich bereit bin mich eurem Lügenkonstrukt zu unterwerfen. Ob ich mich der Menschheit im Namen der Kirche offenbare und all die verlorenen Schafe zurück in euren kranken Schoß treibe. Mit meiner Herrlichkeit die nur soweit reicht, wie eure Lügen es zulassen. Nein mein lieber Mario, das bin ich nicht. Heute nicht und in tausend Jahren nicht. Du kannst gehen!“ Sie drehte sich vom Papst ab und ging ins Zwielicht.

Der Heilige Vater überlegte. Er wollte schon gehen, dann verharrte er. „Sag mir“, fragte er schließlich die eine Frage die ihn beschäftigte, seit er einst von diesen Katakomben erfuhr, „warum bleibt ihr hier? Warum flieht ihr nicht einfach? Diese Gitter“, er zeigte auf die goldenen Gitterstäbe, „können euch nicht wirklich aufhalten oder? Ihr seid,“ er zögerte, „Gott, der Allmächtige. Nichts vermag euch aufzuhalten!“

„Nichts, außer die Arroganz der Menschen, mein lieber Mario.“ Sie trat zurück in das schummerige Licht der Fackel. „Gott? Das ist nichts weiter als Fiktion. Ein wahr gewordener Mythos, ausgedacht von Fantasten, pervertiert von bösartigen Nihilisten die die Schwachen beherrschen und ausnutzen wollten. Ich bin nur so stark, so allmächtig, wie ihr es mir zugesteht. Verstehst du Mario? Nein? Ich bin, weil ich sein soll. Weil bessere Männer als du glauben, das ich sein soll. Ihr Glaube gewährt mir nur die Macht, die sich ihre kleinen Gehirne vorstellen können. Ihre von Macht vergiftete Phantasie glaubt das dieser goldene Käfig mich hält, also tut er das. Sie glauben, dass ich dem Vatikan nicht entfliehen kann, also bleibe ich hier. Dekade um Dekade, Jahrhundert um Jahrhundert. Und leider, halten sie mich für unsterblich und deswegen, kann ich mir nichtmal das Leben nehmen. Und glaube mir, lieber Mario, ich habe es versucht. Doch mag es mir nicht gelingen. Gott, kann kein Selbstmord begehen. Genau genommen, kann Gott nicht sehr viel. Ich kann diese Mauern ebenso wenig hinter mir lassen wie du die Grenzen deines Verstandes. Ich bin, was ich sein soll.“

Der heilige Vater überlegte. Das erste Mal in seinem Leben, das erste mal seitdem er von ihr wusste, wurde ihm die Tragik dessen bewusst. Das erste Mal, hatte er Mitleid. Mit ihr, doch vor allem mit der Menschheit.

„Sag mir, wie soll das weitergehen? Wir halten dich hier fest, das größte Geheimnis, das fantastischste Wunder was es je gab. Neben all den anderen Geheimnissen“, er schaute den langen Gang mit den anderen Zellen entlang, „bis du das Absolute. Sollen wir es für immer für uns behalten? Ist es denn richtig, dich für immer der Menschheit vorzuenthalten. Denkst du nicht, dass es besser für uns alle wäre, wenn du dich offenbarst? Schau dich um, denkst du nicht es wird Zeit für einen Gott, für etwas Gutes und Anständiges in der Welt. Im Namen der Kirche, einer Instanz die…“ er schwieg, weil er merkte wie hohl er seine eigenen Worte fand. Wie wenig Sinn sie ergaben im Angesicht dessen was er täglich fühlte, wenn er diese Kirche vertrat.

„Im Namen der Kirche? Einer inzestuösen, verlogenen, ekelhaften, brutalen und rachsüchtigen Institution welche meinen Namen missbraucht um Schrecken und Zorn zu verbreiten?“

„Aber das tun wir doch gar nicht mehr“ protestierte er. Wir, wir tun auch Gutes.“

„Oh ja, das stimmt. Mitfühlend seid ihr und großherzig. Solange man eurer Meinung ist, ansonsten sperrt ihr einen in ein goldenes Verlies und lasst einen langsam verrecken“ das Wesen zeigte auf sich selbst.

Der Papst dachte lange nach. Schließlich sprach er: „Weißt du, eines verstehe ich nicht. Wenn du das Produkt unseres Glaubens bist, wenn du diesen goldenen Käfig nicht hinter dir lassen kannst, weil wir, unser Glaube es dir nicht gestattet, warum bist du dann nicht, wer wir glauben, der du bist? Warum, bist du nicht der Gott, den wir in der Bibel beschreiben? Warum fällt es dir so schwer für das größere Gut zu lügen? Wir alle machen das. Warum willst du dann nicht regieren, wie wir sagen, das du regieren wirst?“

„Weil es eben genau das ist mein lieber Mario, eine Lüge. Dies, der Vatikan, du, die Bibel, diese gesamte Kirche ist eine einzige Lüge. Eine Lüge, so groß, so fantastisch, so grausam, so dumm das ihr selbst sie nicht glaubt. Es ist euer Geschäft, euer Dienst, eure Uniform die ihr euch überstreift um im Krieg der Meinungen zu bestehen. Es ist das Blutzoll das ihr zahlt, das Opfer das ihr bereit seid zu bringen. Ich weiß, lieber Mario, das du einst ein reines Herz hattest. Du wolltest wahrlich Gutes tun doch hast du dich einst einer Lüge verschrieben und nun kannst du nicht mehr umkehren. Du weißt, was mit denen geschah die sich von diesem Konstrukt abwandten. Was man ihnen angetan hat. Du hast keine Angst vor dem Tod, das weiß ich. Weil du kein Gläubiger, sondern ein Wissender bist. Die Gewissheit das dort nichts auf dich wartet, beruhigt dich. Das hast du all diesen gestörten, perversen Wichsern voraus die meinen Namen missbrauchen um kleine Kinder zu ficken. Du weißt, dass all das sinnlos und vergebens ist. Doch was dir wirklich Angst macht, mein Lieber, ist eben dies, dass nichts von dir bleibt. Das ist dein Fehler, deine Sünde. Es geht dir am Ende nur um deinen Namen, er soll etwas bedeuten und er soll in der Geschichte stehen. Du weißt und spürst das deine Existenz ebenso wenig zählt wie die von Milliarden vor und Milliarden nach dir. Du bist nichts Besonderes, das weißt du tief in deiner Seele. Doch du sehnst dich danach, etwas zu bedeuten. Mehr als diese lächerliche Kutte. Du hättest bedeutend sein können lieber Mario, indem du dieses Lügenkonstrukt eingerissen hättest, doch wirst du es nicht tun. Du hast Angst. Nicht um deine Seele, nicht um deine Kirche, nicht um die Welt. Nur um deinen Namen. Du bist genauso schwach, wie wir alle.“

„Du hast recht, das bin ich“, er seufzte. „Aber eines, verstehe ich immer noch nicht. Wenn du nicht bist, was wir nicht glauben, warum bist du dann überhaupt? Warum bist du überhaupt und warum hast du dich einst uns offenbart? Was ist dein Ziel, was treibt dich an, warum… Warum?“

Das Wesen lächelte sanft. Und setzte sich. „Komm Mario, setz dich einen Moment zu mir.“ Der Papst setzte sich auf den goldenen und doch irgendwie schäbigen Boden. Er war, wie diese Kirche. Aus den edelsten Material was es gab und dennoch vermochte es nicht so recht zu glänzen. Das Wesen strecke seine Hände durch die Gitterstäbe. „Nimm meine Hände.“ Der Papst zögerte. Gott lächelte. „Ich kann dir nichts tun, schon vergessen?“ Der Papst legte seine Hände in die ihren.

„Ich bin, weil ich war, nicht weil ich sein muss. Gute Menschen mit guten Herzen haben mich einst erschaffen. Menschen, die nicht mal wussten was das Wort Religion bedeuten soll. Menschen, so fern von Institutionen und der Sehnsucht nach Macht. Menschen, die in sich Liebe spürten, aus Liebe und Mitgefühl bestanden. Menschen jeglicher Hautfarben, aus allen Teilen der Erde. Unterschiedlich und doch gleich in der Liebe und Faszination die sie für diese Welt empfanden. Ihre Leidenschaft, ihr Wunder, ihre bedingungslose Liebe hat mich einst erschaffen. Ich bin, diese Liebe, ich bin dieses Gute, dieses Anständige. Ich habe und hatte nie etwas mit diesem Ort gemein. Ich bin nicht das, was die Verblendeten unter euch einst zu Papier brachten was ich sein soll. Ich nahm meinen Anfang, weil…“ Sie zögerte. Tränen stiegen in ihr auf. „Weil man Liebe tatsächlich machen kann. Weil Liebe sich manifestieren muss. Weil sie irgendwo hinmuss wenn die Menschen in denen sie wohnte, diese Welt verlassen. Ich bin nicht diese Welt, ich bin nicht jene Welt. Ich bin nicht das Universum und ich bin nicht allmächtig. Ich bin die Liebe all jener verlorenen Seelen die nicht mehr sind. Ich habe mich euch offenbart, weil ihr auf den Rücken jener verlorenen Seelen einen geistlosen Tempel der Lügen und der Habgier errichtet habt. Ein Missverständnis was ich versucht habe zu korrigieren. Doch sind die Lügen und Mythen über mich mächtiger als ich es je sein wollte. Und so, nahmt ihr mich gefangen in der Hoffnung das ich mich irgendwann eurer Lüge ergebe und das Theater der Eitelkeiten für euch weiter betreibe. Es legitimiere.“

„Aber sagt mir, könnt ihr diesem Gefängnis denn wirklich nicht entfliehen? Seid ihr für immer an diesen trostlosen Ort gebunden?“

„Mein lieber Mario, natürlich kann ich fliehen. Ich könnte diese Gemäuer, die ganze Stadt oder das ganze Land in Stücke sprengen, in Flammen versinken lassen und fliehen.“

„Warum tut ihr es nicht, warum tut ihr euch dies Jahrhundert um Jahrhundert an?“

„Wo soll ich denn hin? Hier komm ich her, hier gehöre ich hin. Es gibt keinen Ort für mich, keine Zeit. Ich bin ihr. Ich bin an euch gebunden. Erst wenn der letzte von euch nicht mehr an mich glaubt, an die Wahrscheinlichkeit dieser einen, fantastischen Möglichkeit, erst dann kann ich endlich sterben.“

„Doch was geschieht dann, was wenn niemand mehr an dich glaubt? Können wir ohne dich überleben?“

„Ist das wichtig, mein lieber Mario? Du hast nie an mich geglaubt und schau was aus dir geworden ist. Die ersten Menschen die es taten, meine Erschaffer, meine Götter, sie waren keine Gläubigen. Es waren gute Menschen, gute Seelen die gutes taten – ich meine nicht mich“ sie lächelte sanft, „ohne dass sie je an mich oder andere Götter geglaubt hatten. Befreit euch davon. Befreit euch von mir und lasst mich gehen. Lasst mich wieder werden, was ich war und sein soll.“

„Was ist das, sag es mir.“

„Liebe, mein guter Mario, Liebe. Alles andere, ist bedeutungslos.“

Der Papst schluckte. Tränen rannen seine Wangen hinunter. Verblüfft wischte er sie sich weg und schaute fasziniert auf seine glitzernden Finger. Er wusste nicht mal wann er das letzte Mal geweint hatte. Er fühlte sich… erleuchtet, verloren, verraten, verliebt und verlassen. Alles auf einmal. Er füllte mehr als die letzten Jahrzehnte zusammen. Als ob ein Blitz in sein Herz eingeschlagen hätte und es wieder zu Leben erweckt hätte. Nach einem langen Winterschlaf. Gott erhob sich und verbeugte sich leicht. „Auf Wiedersehen Mario, es hat mich gefreut dich kennen zu lernen. Pass gut auf dich auf.“

Der Papst öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Er wollte noch etwas sagen, doch spürte das alles gesagt war.

„Auf Wiedersehen…“ er wusste nicht mehr wie er das Wesen nennen sollte, also beließ er es dabei. „Vielleicht sehen wir uns ja noch einmal wieder.“

„Werden wir nicht. Aber ich freue mich schon auf deine Nachfolgerin. Kleiner Scherz“, das Wesen zwinkerte mit einem Auge, der Papst lächelte. „Pass auf Bernard auf und alles Gute.“

Der Papst nickte, schaute verstohlen in Bernards Richtung und machte sich auf den langen und beschwerlichen Rückweg.

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By Ben
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Zum Finden berufen, zum Suchen verdammt.

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