BENSTAGE 17.4 Von der Chance einer Möglichkeit

#WeRemember

Unter diesem Hashtag gedenken dieser Tage Millionen Menschen der Befreiung des Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee vor 73 Jahren. Es gibt viele dieser historischen Mahnmale welche an die unbeschreiblichen Verbrechen der Nazi-Diktatur erinnern, Auschwitz ist jedoch mit Sicherheit eines der beeindruckendsten. Es steht für all die Grausamkeit und Verachtung gegenüber dem aus der Sicht der Nazis unwürdigen Leben. Darüber das sich Rassisten über andere Menschen erheben und ihnen ihre Menschlichkeit einfach so absprechen. Der systematischen Vernichtung von Leben. Der menschlichen Kälte, dem unfassbaren Verbrechen gegen die Menschlichkeit und dem, wozu wir als Spezies fähig sind.

Erinnerungen sind für mich etwas sehr persönliches. Erinnern, kann ich mich eigentlich nur an Dinge, die ich selbst erlebt habe. Gedenken kann ich hingegen auch Ereignissen denen ich nicht persönlich beigewohnt habe. Ich bin 1984 geboren, wurde mit den Verbrechen der Nazis das erste Mal in der fünften Klasse konfrontiert. Sehr verschämt und nicht wirklich gut, aber immerhin heute man davon. Meine Eltern wurden nach dem Ende des zweiten Weltkrieges geboren und hatten schon nichts damit zu tun. Über das Schicksal meiner Großeltern während des zweiten Weltkrieges weiß ich kaum etwas, es war nie groß Thema. Vielleicht auch weil man sich schämte, weil man irgendwie eine Rolle in diesem Regime spielte, ich weiß es nicht.

Es gibt Menschen die sagen, dass es irgendwann auch gut sein muss mit dem Erinnerungskult. Das wir Deutsche uns nicht ewig die Verbrechen der Nazis vorhalten lassen müssen. Das es auch andere Diktaturen gibt, die auch schlimme Dinge tun oder taten. Das stimmt, an Diktatoren hat es in der Menschheitsgeschichte nie gemangelt, auch jetzt nicht. Und noch immer finden Verbrechen gegen die Menschlichkeit statt, auch wenn es wohl nie wieder so perfide konstruiert wurde, wie in diesem Land.

Wenn in Österreich eine rechtsradikale Partei Teil der Regierung wird, wenn in unserem Parlament Politiker sitzen die zumindest Rechtsradikale und Nazis in ihrer Partei dulden, davor warnen bei Türken einzukaufen, die einen gegen die anderen aufhetzen, davon sprechen (träumen) die Macht zu ergreifen und die Systemfeinde zur Strecke zu bringen, wenn die Nazi-Parolen die früher an die Häuserwände gesprüht wurden heute Tausendfach ins Internet geschmiert werden, wenn hier regelmässig Asylheime brennen und Migranten durch die Straßen gejagt werden, dann ist es noch lange nicht gut mit dem „Erinnerungskult“. Es zeigt, das wir zu wenig getan haben, es zeigt das wir immer noch nicht verstanden haben, das wir zu wenig von der Dimension dieser unfassbaren Verbrechen beeindruckt sind. Das wir noch immer nicht begriffen haben, dass man so etwas nicht einfach vergessen kann. Das jeder freiheitsliebende Mensch die Pflicht hat alles in seiner Kraft stehende zu tun um zu verhindern das so etwas noch einmal möglich wird. Ob nun in Deutschland oder überall auf der Welt.

Und nun stehen wir hier, nachdem wir die, die sich nicht nur der Sprache der Nazis bedienen im Parlament gewählt haben. Nachdem die Gesellschaft immer mehr verroht und sich radikalisiert. Nachdem zu viele die AfD schon als eine normale politische Kraft akzeptieren und diese bereits davon träumt Volkspartei zu werden. Was für ein Volk soll das sein? Schon wird davon gesprochen den KIKA zu verbieten, bzw. nach eigenen Vorstellungen umzugestalten. Wie weit ist es dann noch zu Auftrittsverboten, Bücherverbrennungen – denn wir Bücher verbrennt, verbrennt auch irgendwann Menschen. Dieses furchtbare Potential ist noch da, es war nie wirklich weg. Doch es wird mehr, Nazi sein wird wieder chic, zumindest akzeptierter. Okay, Nazi ist ein verbrannter Begriff. Identitäre, Altdeutsche, Patrioten – alles dasselbe. Alles kommt aus der gleichen Ecke, alles führt zu dem was wir schon kennen. Wovor wir uns wie kein anderes Volk fürchten sollten – nun, außer die, die wir systematisch umgebracht haben natürlich. Aber das war ja kein Volk, nur eine Religionsgemeinschaft, also who cares richtig?

Wie schnell das alles ging. Als Kind hätte ich nicht gedacht das so etwas nochmal passieren könnte. Ich war mir sicher, dass egal was passiert, es nicht dazu kommen könnte. Ausgeschlossen. Auch jetzt will ich nicht den Teufel an die Wand malen oder so klingen, als hätte ich die Demokratie bereits aufgegeben. Aber was mich erstaunt, was ich unterschätzt habe ist das es gar nicht notwendig ist das es den einen, grandiosen Führer gibt der Millionen verführt. Diese Krankheit Rassismus scheint in so vielen von uns zu schlummern und lässt sich allzu leicht aktivieren. Es sind nicht die Eliten die eine Gesellschaft umbauen, es kommt von innen heraus, von ganz unten, von ganz tief unten, aus dem Dunklen kocht es langsam über. Andere nutzen das, für ihren eigenen Egotrip und schon erkennt man eine Gesellschaft nicht wieder. Es ist wirklich wie Krebs der uns befällt und langsam auffrisst. Wie sieht eine erfolgreiche Therapie aus, wie kann man Rassismus und Fremdenfeindlichkeit dauerhaft bekämpfen und überwinden? Gewalt kann keine Lösung sein, Gewalt hat vielleicht Dinge beendet aber nie gelöst. Es muss andere Wege geben. Erinnerungen sind wichtig, wir müssen nur zuhören. Es begann eben doch genauso, wie das was wir gerade erleben. Geschichte darf sich nicht wiederholen, wir müssen einfach besser sein als das. Alle zusammen.

Foto: imago | imagebroker

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By Ben
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Zum Finden berufen, zum Suchen verdammt.

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