BENSTAGE 17.4 Von der Chance einer Möglichkeit

Wann ist man eigentlich deutsch?

Wir sind unfähig eine differenzierte Debatte zu führen. Entweder bin ich gegen Özil weil er alleine am frühzeitigen WM-Aus schuld ist (ich dachte bisher, Fußball sei ein Mannschaftssport) – und sei es nur wegen eines dämlichen Fotos mit Erdogan während dieser sich im Wahlkampf befindet, oder ich bin im #TeamÖzil weil dieser den offensichtlichen Rassismus oder zumindest den Unwillen des DFB sich offensiv gegen diesen zu positionieren öffentlich ankreidet. Lassen wir einmal beiseite das Mesut Özil ein abgewichster Medien-Profi ist der ganz genau weiß wie man wann wo Statements veröffentlichen muss („Im Internet!!! Auf Englisch!!!“) um möglichst viel Aufmerksamkeit zu generieren. Was er sagt, kann man nicht einfach so weg wischen und es offenbart ein ganz anderes Problem. Der Mann galt als Symbol gelungener Integration – was beachtenswert ist, bedenkt man das er hier geboren ist. Ja, er ist zwischen Kulturen aufgewachsen (etwas worum ich ihn, bei allen Problemen die das sicher mit sich bringt, beneide) und ja, das mag bedeuten das in seiner Brust zwei Herzen schlagen. Das ist na klar extrem undeutsch, man muss sich schon entscheiden. Warum man das muss, keine Ahnung – der Bio-Deutsche kommt ja gar nicht erst in die Verlegenheit zweier Herzen. Manche, scheinen nicht mal das eine korrekt zu gebrauchen – hint hint Seehofer. Wie dem auch sei, er hat einen deutschen Pass, spricht deutsch, hält sich soweit bekannt ans Grundgesetz, zahlt in Deutschland Steuern (zahlt die Wahlschweizerin Alice Weidel eigentlich in Deutschland volle Steuern?). Was mehr muss man tun um als deutsch zu gelten? Sein Aussehen kann er nun mal nicht ändern. Oh – geht es evtl. darum? Nein oder, das wäre ja rassistisch…

Für mich ist Integration überhaupt kein so wahnsinnig kompliziertes Thema. Wir müssen nicht mal groß von deutschen Werten lamentieren (was diese sein sollen verstehe ich angesichts der derzeitigen politischen Stimmung eh immer weniger). Wir haben ein Grundgesetz. Ein jeder der sich dem unterordnet, versucht ein produktives Mitglied der Gesellschaft zu sein oder zumindest kein allzu großes Arschloch, keine Verbrechen begeht, ist in meinen Augen integriert. Integration bedeutet nicht Assimilation, sprich das Aufgeben irgendwelcher Wurzeln. Vielleicht spricht Lukas Podolski auch noch polnisch, oder mag polnisches Essen, polnische Frauen oder polnische Musik. Ist er deswegen nicht integriert? Und wie gut ist denn sein deutsch bitte? Was schlägt eigentlich in seiner Brust? Warum interessiert uns das nicht? Nun also gilt Özil als Symbol für misslungene Integration, das endgültige (wie oft hatten wir das jetzt?) Scheitern des Multikulti-Traumes linker Spinner. Wann immer ich das lese, frage ich mich was meine Realität die ich täglich in Berlin sehe dann sein soll – eine Fiktion? Anyway.

Auch die, die versuchen sich differenzierter zu äußern (die ein, zwei die das tun) sagen das Foto mit Erdogan war dumm und das er zu wenig selbstkritisch ist. Nun, aus seiner Sicht hat er halt nichts falsch gemacht und würde es wieder tun. Das kann man kritisieren muss das aber letztlich akzeptieren. Das Mesut Özil sich ausgerechnet von straffälligen Steuerhinterziehern (der halt tatsächlich ein Verbrechen begangen hat) über Anstand und Moral belehren lassen muss, ist schon arg absurd. Aber das Foto! Dieses verdammte Foto! Özil erklärt das es ihm dabei um das Respekt vor dem höchsten Amt des Landes seiner Eltern ging, nicht die Person. Nun kann er nicht so dumm gewesen sein zu antizipieren was das in Deutschland auslösen würde und wie es verstanden werden musste. Falls doch, ist er wirklich strohdoof, falls nein, war ihm sogar bewusst das er sich selbst damit schaden wird, der Marke Özil. Menschen wie ich beschweren sich oft das Menschen die in der Öffentlichkeit stehen zu unpolitisch sind. Vielleicht ist Özil hier eine Ausnahme. Denn vielleicht ging es nicht nur um ein Foto mit dem höchsten Staatsvertreter des Landes seiner Eltern, vielleicht unterstützt er dessen Politik auch noch. Er sagt nein, bzw. zumindest nicht ja aber was, wenn dem so wäre? Darf er keine politische Meinung haben oder nur dann, wenn sie mir passt? Ich kann doch nicht ständig nach Haltung schreien und mich dann jedes mal angewidert abwenden wenn diese meiner Überzeugung widerspricht. Millionen Menschen hier wählen Merkel (die ich nicht mit Erdogan gleichsetzen will, sehr wohl halte ich sie aber für eine schlechte Politikerin deren ständiges Aussitzen und Abwarten mich irre macht) – das muss ich aber auch aushalten. Wie gesagt, kein Vergleich, aber man darf Meinungen vertreten die sich unterscheiden. Das Foto war auch aus meiner Sicht einfach nur dumm, aber es ist nicht der Kern dieser Geschichte. Und ja, ein wenig mehr Selbstkritik hätte ich vielleicht auch besser gefunden, aber der Mann fühlt sich nicht danach. Er ist enttäuscht und wütend. Und ich verstehe warum.

Seit Monaten nun fährt die BLÖD-Zeitung eine ihrer ekelhaften Kampagnen um Özil raus zu kicken – herzlichen Glückwunsch Herr Reichelt! Wieder einmal erfolgreich gewesen. Das beste, nun stürzt sich der Mann noch darauf, fühlt sich als Opfer und mockiert wie würdelos Özil mit der Situation angeblich umgeht. Abartiger geht es dann schon fast nicht mehr. Die BLÖD-Zeitung erstaunt mich immer wieder.

Dieses Land hat ein Rassismus-Problem. Das klar zu benennen und sich einzugestehen ist der erste notwendige Schritt um etwas dagegen zu tun. Wenn man das denn überhaupt will. Integration ist nicht nur eine Leistung des Integrationswilligen ( und ja, es gibt auch Unwillige – dem muss man sich annehmen, wenn man erst mal versteht warum das so ist), sondern auch eines Landes, was das überhaupt will. Nochmal die Frage: Wann ist man denn nun deutsch, wann ist man integriert? Anhänger von AfD & Co. würden sagen wenn man hier geboren ist. Na toll, das ist er ja sogar was dann wohl aber noch nicht reicht. Was heißt das für all die Menschen die hier voller Hoffnung herkommen und ihr bestes geben ein sinnvoller Teil dieser Gesellschaft zu werden? Die können tun was sie wollen, in unseren Augen werden sie nie deutsch sein? Was zum Teufel ist deutsch? Wann hört man auf Deutsch-Türke zu sein? Bis zu welcher Generation müssen diese Menschen sich das bieten lassen?

Wie jeder geistig gesunde Mensch habe ich ein Problem damit wenn Menschen die hier leben und alle Freiheiten und Privilegien einer einigermaßen intakten Demokratie genießen dafür wählen das diese im Land ihrer Eltern massiv eingeschränkt wird. Das kränkt und besorgt mich. Ich will aber nicht bei der Empörung stoppen, ich will verstehen warum die das tun. Ich denke ein Teil der Antwort ist eben, dass wir hier die Integration versaut haben, weil wir sie nie wirklich wollten, weil wir diese Menschen stets als Gastarbeiter gesehen haben und wollten. Gäste gehen halt irgendwann wieder, wie soll man da eine Beziehung, Loyalität zu einem Land entwickeln was einem nie wirklich willkommen geheißen hat? Integration ist kompliziert, vor allem dann wenn wir unsere eigenen Parameter nicht kennen. Wir als Gesellschaft müssen definieren wann wir einen Menschen als integriert ansehen, was wir von diesem Menschen verlangen und was wir bereit sind dafür zu geben. Darüber muss Konsens herrschen und auf keinen Fall dürfen wir uns diese Regeln von den Rechten ins Stammbuch schreiben lassen. Auch wir „Linken“ müssen uns mit dem deutsch-sein beschäftigen und festlegen, was das bedeutet. Aus meiner Perspektive ist das wie gesagt relativ einfach: Sprache ist na klar ein Schlüssel, vor allem aber eben die bedingungslose Akzeptanz des Grundgesetzes (auch deine Religion hat sich dem unterzuordnen, kannst du das nicht verstehen, kannst du hier nicht leben), ein Job ist gut, Steuern zahlen und ein gewisses Interesse an der Zukunft dieses Landes. Ob sich das nun in irgendwelchen Vereinen auslebt, darin das man wählt, verfolgt was vor sich geht – Teilhabe halt. Aufrichtiges Interesse. Vielleicht ein paar „deutsche“ Freunde, Austausch der Kulturen der wiederum keine Einbahnstraße sein sollte. So etwas. Gar nicht so schwer, gar nicht so viel. Keine Assimilation, nicht das Aufgeben der eigenen Wurzeln oder das Verraten der Traditionen deiner Urväter – solange eben mit dem Grundgesetz vereinbar. Ich weiß nicht genau was deutsche Kultur ist oder sein soll (das wissen denke ich viele nicht wirklich), aber man kann nicht integriert sein, wenn man das Land in dem man lebt hasst oder ablehnt. Kritisieren tue ich es auch, das ist eben Demokratie, Freiheit. Hassen tue ich es aber nicht, ich lehne es auch nicht ab oder will es beenden. Ändern möchte ich es, weiterentwickeln. Das ist vielleicht nicht deutsch, sollte es aber sein. Wir haben kein Rezept für’s deutsch-sein. Deswegen nicht weil uns Union & Co Jahrzehnte erzählt haben das wir kein Einwanderungsland sind, also mussten wir uns damit nie beschäftigen. Weil wir als Gesellschaft so gnadenlos versagt haben, treiben wir nun Menschen wie Özil durchs Dorf. Wir feiern zusammen, aber am Boden darf der Türke dann schon alleine liegen. Dann ist er nicht deutsch sondern ein gescheiterter Türke. Man muss das immer wieder betonen – der Mann ist hier geboren.

Sein Rücktritt und die Abrechnung mit dem DFB mag vor allem persönlicher Natur sein, Rache, Selbstinszenierung, was auch immer. Aber ich bin dankbar für die Debatte die er damit angestoßen hat. Wenn ich nur vertrauen hätte das wir sie differenziert führen könnten, aber das habe ich langsam nicht mehr. Wie bei Böhmernann’s Gedicht wird sich auf das offensichtliche gestürzt ohne über die eigentliche Sache zu reden. Das tun wir immer und es ist so doof und hilflos. Die wenigen geistreichen Journalisten die sich damit befassen gehen unter in der geifernden Menge die sich auf Blödigkeiten stürzen. Ein dummes Foto, ein auf einmal schon immer mittelmässigen Fußballspieler der alleine für’s frühzeitige WM-Aus verantwortlich ist. Das ist so albern wie es tragisch ist.

Özil hat seine Konsequenzen gezogen, andere sollten nachziehen denke ich. Ich weiß zu wenig über DFB, Grindel & Co. Ich kenne diese Personen nicht um da etwas geistreiches sagen zu können. Aber wer immer verhindert hat das sich der DFB eindeutig gegen jegliche Art von Rassismus positioniert, sollte ebenso gehen. Das wäre anständig, vollkommen losgelöst von der Causa Özil. Des weiteren müsste jeder Journalist der noch Ehere und Anstand in sich spürt die abartige Kampagne der BLÖD-Zeitung und das fragwürdige Verhalten von Mercedes ankreiden und adressieren. Hätte, hätte, Sucuk.

Foto : Getty Images

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By Ben
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Zum Finden berufen, zum Suchen verdammt.

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