BENSTAGE 17.4 Von der Chance einer Möglichkeit

Town Hall Demokratie

Es hätte alles wie immer sein sollen: Irgendein Irrer erschießt aus irgendwelchen kranken Gründen vollkommen unbeteiligte Jugendliche an irgendeiner Schule, thoughts and prayers, alles ganz schrecklich, nicht die Zeit um JETZT über Politik zu reden, kein Waffenproblem, vor allem ein Psycho-Problem, vielleicht auch gewalttätige Spiele und Filme, dann Verdrängung und Ruhe bis zum nächsten Massaker. Den Schmerz vertagen wir auf morgen, wie immer. So war es bisher immer in den USA und so verlief es auch die anderen 17 Male, allein dieses Jahr. Doch irgendwas ist anders an dieser Schießerei in Florida. Nicht der President, der erzählt den gleichen verwirrten Blödsinn wie immer. Seine Idee Lehrer zu bewaffnen legt noch mal eine Schippe drauf, passt aber ansonsten in das Trump’sche Muster. Und natürlich wäre er in die Schule gerannt und hätte versucht den Täter aufzuhalten, auch ganz ohne Waffen. Das man Trump Zettel schreiben muss auf denen Anweisungen für Phrasen stehen die vorgaukeln sollen das ihn kümmert was die Überlebenden ihm von ihren grässlichen Erlebnissen berichten (Punkt 5 : „I hear you“), unterstreicht einmal mehr warum dieser Mann nicht fit ist dieses Amt auszuführen, aber es überrascht letztlich nicht. Auch schockiert es einen nicht mehr.

Was ist also anders? Die Medien, die Satiriker die genauso leidenschaftlich und erfolglos wie immer gegen den Waffen-Irrsinn protestieren? Nein, es sind die Überlebenden, die Jugendlichen die sich dieses mal nicht einfach so mit thoughts & prayers abspeisen zu scheinen lassen. Statt der üblichen Phrasen, verlangen sie Taten. Die Schweine! Sie fangen an sich zu organisieren, sie werden mehr, lauter und sie nehmen den Kampf auf, treten an gegen eine der mächtigsten Lobbys der USA – der NRA. Ein an sich aussichtsloser Kampf und doch besteht die Chance, das sie etwas erreichen könnten. In der Tat, haben sie bereits etwas erreicht. Einige einflussreiche Firmen haben ihre Kooperation mit der NRA gekündigt. Andere könnten folgen. Das hat keine Rede Obama’s bewirkt. Ist das dieses amerikanische „Wir sind das Volk“ von dem Obama als Ex-President sprach? Sind das am Ende vielleicht gar keine Phrasen? Ist der Wähler, der einfache Bürger am Ende vielleicht doch der Souverän?

Diese jugendliche Revolution die sich dort anbahnt, könnte dafür sorgen das die NRA einfach nicht mehr cool ist, das sie an Wert verliert weil sie einen Igitt-Faktor erhält. Am Ende, dreht es sich nur ums Geld. Wenn es für Company XY wirtschaftlich nicht mehr attraktiv ist mit der NRA zu kooperieren, wenn es ihren eigenen Image schadet, dann werden sie es lassen. Was kein Politiker bisher geschafft hat, was auch kaum einer wollte, könnte diese Rebellion – die es hoffentlich noch wird – am Ende bewerkstelligen: Die NRA als das entlarven was sie ist und ihren Einfluss verringern. Es geht nicht um Freiheit, es geht um Geld. Um nichts anderes. Der Moment erscheint günstig, denn letztlich besitzen diese Jungen mehr Macht, als man ihnen zutraut. Als man sie wissen lässt, wirklich. Aber sie beginnen zu ahnen, das es in ein paar Jahren auf sie ankommt. Sie sind die nächste Generation die wählt, sie werden die nächste Generation Politiker stellen. Ich wette, die NRA hat nie wirklich darüber nachgedacht was es bedeuten könnte, wenn man durch sein ekelhaftes Verhalten eine ganze Generation von Aktivisten heranzieht. Ja provoziert. Was, wenn die beinahe schon faschistoide Liebe zu Waffen eine Generationen-Frage ist? Wenn die Generation die dort gerade heranwächst an sich weltoffener ist, weniger nationalistisch sondern global unterwegs ist, vernetzter und vor allem weniger Angst vor allem vor Schwarzen hat? Denn die Liebe zu Waffen ist vor allem die Angst der Weißen vor Verdrängung durch die schwarzen Mitbürger. Was, wenn die, die da jetzt heranwachsen diese Angst mehrheitlich nicht teilen? Das Land könnte sich in wenigen Jahrzehnten komplett verändern.

Senator Marco Rubio, welcher wie Trump viel Geld von der NRA erhalten hat, behauptet steif und fest das es die NRA ist die sich in seine Agenda einkauft, nicht andersherum. Das hat er in einem Town Hall Meeting gesagt, was landesweit übertragen wurde. Dort hat er sich den Fragen der Überlebenden gestellt und er sah dabei nicht wirklich gut aus. Ich verstehe ja oft nicht warum der Durchschnitts-Amerikaner sich für freier hält als jeder andere Erdenbürger. Ich habe nicht das Gefühl in einem unfreieren oder undemokratischeren Land zu leben, eher das Gegenteil, aber da hat die USA uns schon etwas voraus. Mag es am Ende nur Show sein, aber bei uns gibt es solche Town Hall Meetings eben nur alle vier Jahre wenn es darum geht Mutti wieder ins Amt zu heben. Ich würde gerne sehen wie sich Politiker jeglicher Couleur den normalen Bürger zu allen möglichen Themen stellen. Das könnte man monatlich veranstalten, ich würde immer einschalten. Das wäre eben etwas ganz anderes als unsere schwer zu ertragenden Politik-Talkshows, wo sich Eliten gegenseitig einen Runterholen und letztlich nichts weiter tun als sich aufgeregt ihre Gemeinplätze an den Kopf zu werfen. Für mich als interessierten Zuschauer ist Erkenntnisgewinn hier eher Zufall.

Und na klar sind solche Town Hall Meetings vor allem Show, aber es kann dennoch einen guten Zweck erfüllen: Da die Politiker nicht wissen können mit welchen Fragen sie genau konfrontiert werden (das jeweilige Thema schränkt das na klar ein), müssen sie einigermaßen frei sprechen. Natürlich haben sie Sprechblasen vorbereitet die sie immer wieder wiederholen. Je nachdem wie gut aber nachgefragt wird, wie vorbereitet, energisch und rhetorisch begabt der Frager ist, kann der Politiker dabei einfach schlecht aussehen. Auf der anderen Seite können dagegen Figuren entstehen die irgendwann mal politisch relevant werden. Man stelle sich eine Merkel vor die zu emotional intensiven Themen frei sprechen soll… Na klar geht es dabei in aller erster Linie um Performance – das gibt einen aber dennoch wertvolle Einblicke wie die Agenda eines Politikers aussieht, was er oder sie wirklich vorhat. Wo dessen Interessen liegen, wie dessen Weltbild wirklich aussieht. Ezra Pound hat mal gesagt „Eine einzige intelligente Bemerkung zur richtigen Zeit, kann die gesamte Karriere eines Mannes zerstören.“ Das kann eben auch für ein sehr entlarvenden Kommentar während eines solchen Town Hall Meetings gelten. Ich finde solche Veranstaltungen sehr gut und wünsche mir so etwas auch für Deutschland. Weniger Politik-Talkshow-Gewichse wo Leute Fragen fragen, die sich in Wirklichkeit für nichts interessieren und dessen Welt nichts mit der Mehrheit ihrer Zuschauer zu tun hat, sondern echte, relevante Diskussionen. Solche Diskurse könnten unserer eingeschlafenen Demokratie gut tun und dafür sorgen, das wir wieder näher hinschauen uns engagieren und das Feld nicht nur den überlassen, die gegen irgendetwas sind.

Foto : Michael Laughlin / Sun Sentinel

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By Ben
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