BENSTAGE 17.4 Von der Chance einer Möglichkeit

Terrorverdrossenheit

Ich merke das ich zu nehmend Terrorverdrossen werden. Statt der Opfer zu gedenken, ärgere ich mich vor allem über die dämliche und hektische Berichterstattung aufgeregter Vorort-Journalisten die weil es noch keine Fakten gibt nichts weiter tun können als zu spekulieren. Immer betonend das es zu früh sei und man nicht spekulieren wolle, jagt man anschließend mit großen ABER dann doch unbestätigte Vermutungen in den Äther wo sie ihren Lauf nehmen. Ganz besonders aggressiv macht mich der ARD Brennpunkt den es jeden Tag für zig wichtigere Dinge geben sollte, also Terror.

Ich verstehe das Nachrichtensender eine Aufklärungspflicht haben, keineswegs plädiere ich also dafür Terroranschläge zu verheimlichen. Oder sie zu verharmlosen. Und ich verstehe das der Grad zwischen Aufklärung und Mithilfe zur Terrorpropaganda sehr schmal ist. Die meisten Redakteure scheitern meines Erachtens an diesem heiklen Drahtseilakt.

Terror ist banal geworden. Und so sollten wir auch darüber berichten. So wie es andere Formen von Gewalt seit jeher sind, reicht heute eben ein Auto um Angst und Schrecken zu verbreiten. Ich habe mal gelesen das 9/11 al-Qaida 20 Millionen $ gekostet haben soll. Solche Aktionen wie jetzt in Spanien kosten wenige Tausend Dollar. Und auch das, trägt sicherlich zu meinem Verdruss bei. Die Erkenntnis, dass Terror Alltag ist oder sein kann. Niemand kann verhindern das ich mich in mein Auto setze und mit hoher Geschwindigkeit in eine Menschenmenge wo auch immer fahre. Dagegen gibt es keinen Schutz. Auto freie Städte vielleicht. Dann gehe ich halt mit Küchenmessern auf Unschuldige los. Es lässt sich nun mal nicht verhindern.

Damit plädiere ich nicht zur Tatenlosigkeit. Sehr wohl bin ich dafür Terror zu bekämpfen. Bewaffnete Gruppen zu entwaffnen ist ein Anfang aber nicht mehr als das. Bei der internationalen Abschaltung einer rechten Propaganda Webseite haben wir gesehen das Google & Co durchaus die Mittel haben gegen solche Gruppierungen vorzugehen. Auch als die Webseite dann in Russland gehostet wurde, ging sie wenig später wieder vom Netz. Wir könnten Terror zunächst bekämpfen in dem wir alle Konten, alle Geschäftsbeziehungen – direkt und indirekt – mit diesen Organisationen einfrieren. Nehmen wir ihnen ihr Geld, was sie brauchen um ihre Operationen durch führen zu können. Denn selbst Ali sprengt sich nicht umsonst in die Luft. Als nächstes sollten wir IS & Co die Bühne nehmen. Jegliche Propagandakanäle trocken legen. Wenn das geschafft ist, machen wir uns an die wirklich schweren Aufgaben, die Gründe zu beseitigen warum ein junger Mensch überhaupt dazu bereit ist sich selbst und andere für eine lächerliche Idee zu ermorden. Wenn wir das immer nur auf eine Perversion einer dogmatischen Religion schieben, machen wir es uns zu einfach. Ich bin fest davon überzeugt das man diese Ideologie mit Worten und Taten durchbrechen kann, nicht aber mit Bomben. Das ist nicht einfach und das geht nicht schnell. Und es wird Geld kosten, viel Geld. Wenn wir aber wirklich davon träumen Terror zu besiegen, dann nur so. Wegbomben lassen sich Ideen nun mal nicht.

Darüber hinaus bin ich offenbar unfähig zu verstehen warum ein Terroranschlag schlimmer ist als ein Attentat. Wenn Hermann, der die Schnauze voll von Menschen hat, einen Hass entwickelt hat und eines Tages durch-knallt und mit seinem Opel Admiral in eine Menschenmenge rast ist das ein Attentat. Schlimm, aber nicht der Aufregung wert. Auch die Hintergründe interessieren uns nicht besonders. Es wird gelabelt, quasi als „Privatsache“ deklariert und geht dann keinem mehr was an. Wenn aber Ali in sein Auto steigt, sich vorher als Fan des IS outet ist das Staatsgefährdender Terror. Warum? Weil Ali nicht von hier kommt? Wie viele Terroranschläge Einheimischer Islamisten hat es in letzter Zeit gegeben? Rechte sind dazu immer einheimisch, aber das ist ja auch kein echter Terror.

Ich frage mich dann immer ob es für die Opfer dieser in beiden Fällen sinnlosen Gewalt einen Unterschied macht. Der eine ist beknackt und weiß seine Wut nicht anders zu kanalisieren, der andere ist verblendet, hat vielleicht sogar Gründe die keine Rechtfertigung aber vielleicht zumindest eine Erklärung sein könnten und von beiden ist Letztere der Gefährlichste. Wie gesagt, ich verstehe es einfach nicht.

Terror ist nie Staatsgefährdend. Die überhasteten Maßnahmen die aufgrund dessen getroffen werden sind das was unseren Rechtsstaat, unsere Demokratie und unsere Art zu leben gefährdet. Merkel und Co verändern meine Realität, nicht Ali der Terrorist. Oder Hermann. Und wenn sich hier täglich zehn Dschihadisten in die Luft jagen, das tut dem Staat gar nichts. Es sind unsere Reaktionen darauf die unsere Art zu leben ändern und gefährden. Die Verantwortung dafür liegt komplett bei uns und was wir von unseren Politikern fordern. Letztlich ist das Ziel einfach: Keine Toten mehr durch Terroranschläge. Die Umsetzung ist immens schwerer. Sie ist in der Tat nicht erfüllbar und das müssen wir endlich verstehen.

Wann immer wir einem Terroristen zusprechen er könne die Art wie wir leben auch nur angreifen, überhöhen wir diese Penner maßlos und verleihen ihnen genau dadurch die Macht das zu tun. Ich verstehe das Menschen Angst haben. Und ich verstehe, wenn Menschen ihren Alltag aufgrund dieser Ängste ändern. Und das ist nicht gut. Aber das ist unsere Entscheidung. Tun wir dies, handeln wir nicht rational. Vielleicht sind Menschen einfach nicht rational. Aber wir könnten daran arbeiten rationaler zu werden. Und das wäre der Job der Medien. Der xte Brennpunkt nach immer gleichen Muster wird da nicht helfen.

EDIT: Ganz besonders nerven mich die s.g. Terrorexperten. Wie wird man eigentlich Terrorexperte? Und warum? Ein Lehrberuf ist das noch nicht. Selbst Terrorist muss man wohl auch nicht sein, also machen die nichts anderes als ich oder – lesen. Viel lesen. Und schreiben. Und zack, irgendwann sprechen einem andere eine gewisse Expertise zu. Wie Filmkritiker. Was ich dort noch einigermaßen verstehen kann, weil man ja viele unterschiedliche Filme von unterschiedlichen Regisseuren guckt finde ich bei diesem monothematischen Bereich doch etwas kritisch. Da ja niemand – außer Jürgen Todenhöfer vielleicht – mit Terroristen spricht, sind das doch alles nur Vermutungen und Unterstellungen. Die Funktion des Terrorexperten sollten wir schnellstens abschaffen. Ebenso wie der über-emotionale Kommentar von ratlosen ARD-Sprechern. Das braucht und hilft keinem Menschen.

Terrorismus ist ein ernstes, ein schlimmes, Menschenverachtendes Verbrechen. Genauso Menschenverachtend ist es aber Gift aus purer Profitgier in Lebensmittel zu mischen und damit die Gesundheit von Millionen Menschen bewusst zu gefährden. Oder Autos die gegen Gesetze verstoßen durch unsere Innenstädte fahren zu lassen deren Abgase nachweislich jährlich 10.000 Menschen das Leben kosten. Es ist sinnlos Verbrechen gegeneinander aufzuwiegen, aber es fehlt uns an Rationalität und Perspektive. Wir müssen lernen Dinge einzuordnen und sie nicht wichtiger zu machen, als sie sind. Wenn Menschen bei einem Terroranschlag sterben oder verletzt werden ist das tragisch und wir können zurecht traurig und wütend sein. Doch sollten wir den Terroristen nicht noch den Gefallen tun unseren Schmerz, unsere Empörung und unsere Verzweiflung so deutlich Ausdruck zu verleihen. Gerade letzteres, treibt diese Irren an. Die Illusion uns, die wir deutlich in der Mehrheit sind zerstören zu können.

Wir reden nur noch über Täter und selten über Opfer. So merke ich das mich Terror immer weniger berührt. Wie es geschieht, ist immer ähnlich und es fängt an mich zu langweilen. Passiert es im eigenen Land, der eigenen Stadt berührt es einen vielleicht noch etwas mehr. Es geschieht an Orten wo man selbst unterwegs ist. Das ist ein komisches Gefühl. Aber auch das vergeht. Was bleibt, ist der Ärger über sinnlose Berichterstattung. Eine Berichterstattung aus der ich mich – wie auch schon zu anderen Themen – immer entschiedener ausklinge. Aufmerksamkeitsdiebstahl, die wir einfach für wichtigere Themen nutzen sollten.

Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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By Ben
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Zum Finden berufen, zum Suchen verdammt.

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