BENSTAGE 17.4 Von der Chance einer Möglichkeit

Protestunkultur

Eines ist mir noch zum Thema Town Hall Demokratie eingefallen – warum sind wir Deutsche (ich hasse Verallgemeinerungen!) eigentlich so verdammt domestiziert, warum fällt es uns so schwer in unserer verfickten Wohlstandsgesellschaft FÜR etwas auf die Straße zu gehen? Ob nun für den Wert von Schwarzen Leben, Frauenrechte oder eine offene Gesellschaft allgemein, in den USA sind sie ständig zu Millionen auf der Straße. Nicht immer um gegen etwas zu sein, sondern vor allem aus Solidarität, um gemeinsam Flagge für etwas zu zeigen. Das haben sie uns wirklich voraus. Vielleicht erklärlich, nahmen die USA doch einst mit Revolution ihren Anfang. Die Amerikaner sind es irgendwie gewohnt zu kämpfen, wenn auch nur im übertragenden Sinne. Wir sind das nicht, oder nicht mehr. Wer zwei Weltkriege verbricht, ist vielleicht zu Recht domestiziert und der Rebellion gegen über skeptisch.

Oh ja, hier wird auch ständig demonstriert, meist jedoch in sehr überschaubaren Zahlen und dann vor allem gegen irgendwas. Meistens sind es rechte Schreihälse die unsere einigermaßen offene Weltsicht wieder demontieren und Deutschland in ein Land der selbstsüchtigen Arschlöcher verwandeln wollen. Und wir nehmen das mehr oder weniger hin. Der Schreibende auch. In Berlin gibt es mehr Demos als Tage, an die 1.000 angemeldete Demonstrationen gab es 2017 glaube ich, oder es war 2016. Man kann sich täglich aussuchen wo man hingeht. Ich war auf sehr wenigen. Vielleicht ist die Maße das Problem. Die größte Demo die ich mal erlebt habe war die Anti-TTIP-Demo 2015. Das sollen um die 100.000 Leute gewesen sein. Das hatte unseren Regierungssprecher damals aber auch nicht sonderlich beeindruckt und vielleicht ist auch dass das Problem. Es scheint einfach nichts zu bringen, auch wenn TTIP mehr oder weniger vom Tisch ist. Was aber eher Trump zu verdanken ist. Die Alten klagen uns an, fragen uns warum wir nicht ständig auf der Straße sind, warum wir so verdammt brav sind. Sind ja nicht alle, einige sind sehr aktiv, die zünden dann eben Asylheime an. Wir, die das nicht wollen, den andere Dinge wichtiger sind, schreiben lieber empörte Blog-Artikel. Errare humanum est!

Es gab oder gibt Friedensmärsche, die scheinen aber keinen Effekt zu haben. Deswegen ist hier gefühlt noch kein Bundeswehreinsatz beendet wurden. Wenn ständig irgendwelche Hasserfüllten Menschen zu Tausenden durch die Innenstädte irrlichtern, ändert das politische Realitäten. Schnell und radikal. Wir können uns vorstellen das eine Nazipartei von Null auf 13% in den Bundestag kommt, aber doch keine Friedenspartei. Das Rechte, das Dagegen scheint immer stärker zu sein, als das Dafür. Es erscheint kaum möglich eine Gesellschaft positiv, mit einem Lächeln im Herzen verändern zu können. Nur mit der Faust in der Tasche, wenn sie denn in der Tasche bleibt. Ich bewundere die Amerikaner nur selten, aber ich beneide sie um ihre positive Einstellung dazu, dass man Dinge ändern kann. Die Naivität das Protest etwas bewirken kann, denn irgendwann tut er es. Hagen Rether hat mal gesagt „Der Amerikaner ist oberflächlich und freundlich. Wir Deutschen sind oberflächlich und unfreundlich.“ Vielleicht ist da was dran.

Ich mag die Protestkultur der Amerikaner und es nervt mich das wir so verdammt still sind. Das wir der verdammten AfD und der Ablehnung, den Hass und dem rückwärts-gewandten Denken dieser Minderheit (ich muss einfach glauben dass das noch eine Minderheit ist) nichts entgegen zu setzen haben. Na klar gibt es ständig Demos, aber was wir Gutmenschen ja nicht sonderlich gut zu können scheinen, ist uns organisieren, Bündnisse zu schmieden, gemeinsam mit einer Stimme zu sprechen. Das wiederum kriegen die Rechten ja sogar über Staatsgrenzen hin, was erstaunlich ist: Nationalisten organisieren sich international um gegen Ausländer (sich selbst) zu hetzen. Irgendwie doof und dennoch effektiv. Das Leben ist halt einfacher wenn einen Überzeugungen nicht im Weg stehen und einem am Ende nichts wirklich wichtig oder heilig ist, außer man selbst. Wir sind zu überzeugt, zu moralisch, zu verkopft. Zu korrekt, der kann halt nicht an der Seite von dem demonstrieren, weil der mal Böhse Onkelz gehört – das ist gar kein echter Linker. Igitt, bah bah. Wir müssen raus, raus aus unseren Blogs, unseren Feeds, raus aus unserem braven Leben, wir müssen auf die Straße, die finden, die mit uns sind auch wenn sie nicht genauso sind wie wir. Es geht doch ums große Ganze und nicht den perfekten, den einen bequemen, korrekten Weg. Bequem darf das eh alles nicht mehr sein. Demokratie, eine offene, freie Gesellschaft ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist Merkels Generation die mehrheitlich gerade alles abfucken was andere mühsam aufgebaut haben, es ist dann eben an uns das zu reparieren, Verantwortung für das zu übernehmen was uns wirklich wichtig ist. Wir sind zu viele, zu informiert, zu vernetzt um später behaupten zu können wir hätten von nichts gewusst, wir hätten nichts dagegen tun können. Was das angeht, sollte wir ein wenig mehr sein wie unsere amerikanischen Schwestern und Brüder – und ich hätte wirklich nicht gedacht so etwas hier mal zu schreiben.

Foto : Bryan Woolston / Reuters

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By Ben
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Zum Finden berufen, zum Suchen verdammt.

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