BENSTAGE 17.4 Von der Chance einer Möglichkeit

#meTwo

In Anlehnung an der #meToo Bewegung teilen in Deutschland unter dem Hashtag #meTwo Betroffene ihre Erfahrungen mit Rassismus im Alltag. Dem Vernehmen nach wurde der Hashtag von Ali Can initiiert, dessen Bemühungen rund um das Thema Migration und Völkerverständigung ich seit einiger Zeit verfolge. Genauer, seitdem ich ihm beim TED x Berlin 2017 erleben durfte. Sein Buch Hotline für besorgte Bürger: Antworten vom Asylbewerber Ihres Vertrauens kann ich sehr empfehlen.

#meTwo ist ein interessantes Phänomen, denn schaut man in die Kommentare der tausenden Tweets, wird klar, warum es solche Aktionen braucht. Warum es gut ist, diesen braunen Sumpf in der Gesellschaft zumindest einmal sichtbar zu machen. All die Leute die gehässig auf Erfahrungsberichte von ganz normalen Leuten reagieren, entlarven sich selbst. Sie offenbare ihre Geisteshaltung in dem sie den Betroffenen entweder die Kredibilität absprechen oder im schlimmsten Fall gutheißen was ihnen widerfahren ist. Das ist er, der Alltagsrassimus über den wir ernsthaft diskutieren ob es ihn in Deutschland überhaupt gibt, in Reinkultur. Es gibt ihn, es gab ihn immer. Lange vor Flüchtlingen, denn die haben wir nie gebraucht um das schlechteste von uns nach außen zu kehren. Es war nur besser versteckt, akzeptierter, normaler. Das Bewusstsein das „Neger“ immer eine rassistische Beleidigung war, war lange Zeit nicht vorhanden. Nun wäre das alles nur halb so schlimm wenn man endlich mal auf die Gefühle anderer Rücksicht nehmen könnte, Empathie beweist, akzeptiert das sich andere durch bestimmte Äußerungen verletzt fühlen und es lassen. Aber die Don Quijote gegen Windmühlen kämpfe, kämpfen diese besorgten Arschlöcher darum auch weiter Negerkuss sagen zu dürfen, weil das schließlich immer so war. Sie definieren ihre Freiheit, sei es nur die des Wortes ausgerechnet darüber weiter andere mit rassistischen Worten traktieren zu dürfen. Warum ist das so? Ist das deren Idee von Kultur? soll es das sein was Deutschland für diese Gestalten ausmacht, soll das die Definition von Freiheit sein? Wie arm das ist.

Bei #meTwo liest man natürlich weitaus schlimmeres. Ich weiß aber wirklich nicht was ich schlimmer finde – die Erlebnisberichte oder die Reaktionen darauf. Das ist ein verdammt tiefer Abgrund der sich da auftut. Ich frage mich – als nicht betroffener: Was ist so schwer daran einfach mal mitzulesen, in Demut zu schlucken, vielleicht Empathie beweisen und ansonsten die Schnauze zu halten? Froh zu sein das es einen selbst nie betroffen hat, das man nie darunter leiden musste? Woher der Drang das zu kommentieren, zu banalisieren, es klein zu reden? Ist das vielleicht eine Übersprungshandlung die aus einem gewissen Schuldbewusstsein befeuert wird? Ahnen die Menschen die dort negativ kommentieren das sie gemeint sind? Ist das am Ende irgendwie ein verqueres, schlechtes Gewissen was da spricht? Schreit, geifert?

Bewusst habe ich – meinen ziel-zügellosen Humor mal außen vor lassend – nie Rassismus ausgeübt. Mein jüngeres, dümmeres und unreflektiertes Ich hat aber sicher Dinge gesagt und gedacht die ich heute nicht mehr teilen würde. Ich entstamme einer Familie welche dem Alltagsrassismus zumindest nicht abgeneigt ist. Was der Grund für mein teils angespanntes Verhältnis zu meiner Familie ist. Es sind keine bösen Menschen, ihnen ist nicht mal bewusst was sie da teilweise von sich geben. Das reicht mir aber nicht als Entschuldigung. Dies schreibe ich um zu erklären das ich einen gewissen Weg zurücklegen musste um solche Artikel hier mit voller Überzeugung schreiben zu müssen. Und warum ich auf Twitter zu #meTwo schweige, weil ich lese und verstehen möchte. Schweigen ist auch nicht genug, das weiß ich aber ich will das nicht für mich missbrauchen wie es einige tun. Mir ist nie Rassismus widerfahren. Aber ich höre diese Leute, ich lese, ich versuche zu verstehen. Ich stehe an der Seite dieser Menschen die dadrunter leiden, ich stehe denen entgegen die Rassismus ausüben. Ich werde das immer klar benennen und ich begrüße jede Debatte darum. Wir brauchen viel mehr davon, wir alle muss uns positionieren. Keine darf dazu schweigen. Jeder muss sich offenbaren und Stellung beziehen.

Foto Quelle : www.gib-rassismus-keine-chance.org

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By Ben
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Zum Finden berufen, zum Suchen verdammt.

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