BENSTAGE 17.4 Von der Chance einer Möglichkeit

Konservative Revolution

Sie agitiert, provoziert und poltert – die CSU wird ihrer zugedachten Rolle gerecht wie eh und je. Während die einen in der CSU nach einer finalen Flüchtlingslösung rufen (eine unglückliche Formulierung die bewusst falsch versanden wurde – was genau lässt sich daran falsch verstehen frage ich mich?), die anderen zum wiederholten Male mit dem Rechtsstaat-Dekonstrukteur Orbán kuscheln, versucht Alexander Dobrindt die längst überfällige, konservative Revolution herbei zu schreiben. 50 Jahre nach den 68ern sei es endlich and der Zeit sich vom Diktat einer linken Minderheit zu befreien. Nicht nur Frau Slomka hat darauf höchst befremdlich reagiert und dem Unsympathen in ihrer heute-journal Sendung gekonnt auseinander genommen. Ein Bravourstück was nicht nur ich hart abgefeiert habe.

Beschäftigt man sich ernsthaft mit dem was der Mann mit dem fragwürdigen – aber sehr individuellen – Kleidungsstil da kolportiert, kommt man mental wirklich ins Schwitzen: wovon redet der Mann bitte? In den letzten 50 Jahren hat die Union 23 Jahre die Kanzlerin oder den Kanzler gestellt. Keine Partei war seit bestehen der Bundesrepublik solange an der Macht, wie die Union. Und selbst RotGrün war an Neoliberalismus jawohl kaum zu überbieten – es war schließlich nicht SchwarzGelb die die Agenda 2010 durchgedrückt haben. Sicher, in anderen gesellschaftlichen Bereichen gab es gewisse Fortschritte, ist es das was den Konservativen Angst macht? Sind sie immer noch beleidigt das nach all den Jahren der Blockadehaltung die EheFürAlle gegen ihre Zustimmung endlich eingeführt wurde?

Schaue ich mich in diesem Land um, sehe ich mir die Themen an die uns tagtäglich beherrschen, die Dinge die Stimmung machen und die meisten Klicks generieren, dazu noch den desolaten Zustand der linken Kräfte käme ich nie auf die Idee, dieses Land als im Würgegriff der linken Eliten zu begreifen. Dies ist kein linkes Land. Weit davon entfernt. Wie sehen erzkonservative Menschen dieses Land im Jahre 2018? Fühlen sie sich tatsächlich vom Fortschritt – mag er gut oder schlecht sein – bedroht? Der Konservatismus will bewahren, Gutes erhalten und ist daher per Definition Fortschritt-feindlich oder zumindest skeptisch. Wie die Kirche – wo er ja herkommt – denkt der Konservative wohl eher in Jahrzehnten, Jahrhunderten vielleicht als in Jahren. Ich verstehe also wenn sich der Konservative teilweise in diesem Land nicht mehr wiederfindet. Aber, mir als was-auch-immer geht es ja nicht anders und eben darum geht es.

Ich schreibe was-auch-immer weil mich dieses Schubladen denken anödet. Vermutlich muss ich mich als Linker bezeichnen oder bezeichnen lassen nur weil ich mit vielen linken Ideen etwas anfangen kann. Als ob ich nur das eine bin, aber gut. Es wird Menschen geben die Herrn Dobrindt zustimmen, die dieses Land tatsächlich vom Würgegriff der linken Kräfte befreien wollen. Für diese Menschen ist eine Kanzlerin die die Grenzen öffnet um eine humane Katastrophe zu verhindern vermutlich schon eine Linksradikale. Es sind Menschen mit denen ich nichts anfangen kann und die ich nicht verstehe,  nie verstehen werde. Das muss ich aber auch gar nicht, ich muss sie nur tolerieren und akzeptieren das es sie gibt. Sie sollen ebenso politisch vertreten sein, wie ich mit meinen Überzeugungen. Was mich an Politik nervt ist der ewige Absolutismus. Ich habe eine Idee und das muss jetzt für alle gelten, alles andere ist scheiße! Nein, so funktioniert eine Demokratie nun mal nicht. Thomas de Maizière verfasst ein deutsches Leitbild aus seiner komischen Brille und das soll dann für alle gelten – wie kommt der Mann da bitte zu? Es braucht keine konservative Revolution, aber Konservative sollen hier halt ebenso in Ruhe und Frieden leben können wie die eher progressiven Menschen – davon leben übrigens nicht so viele am Prenzlauer Berg.

Wir brauchen keinen Dobrindt der als Bayer ein neues Deutschland entwirft. Weder soll aus Deutschland Berlin, noch Bayern werden. Einigen wir uns doch einfach darauf das wir verschieden sind, das alle hier einen Weg zur friedlichen Koexistenz finden mit ihren verschiedenen Überzeugungen. Aber eben das, ist ja ein bisschen Berlin oder? Mehr als Bayern würde ich ketzerisch behaupten. Ich glaube eines der Probleme mit den Konservativen ist, das sie nicht gut verlieren können. Das andere ist, dass sie keinen Humor haben aber anderes Thema. Ein Fakt ist halt, dass sich die Welt verändert. Ständig. Mal schneller, mal langsamer nimmt sich eine Gesellschaft solcher Veränderungen an. Und dann dürfen Frauen halt wählen, sind selbstbestimmt und irgendwann auch endlich vollkommen gleichberechtigt. Irgendwann sehen wir ein das Homosexuelle nicht krank sind, sondern Menschen wie du und ich. Und irgendwann dürfen sie halt auch heiraten. Genauso wenig wie wir den Frauen das Wahlrecht wieder wegnehmen können, werden wir auch hier die Zeit nicht zurückdrehen. Das muss man dann auch einfach mal akzeptieren, auch wenn es schwer fällt. Warum es schwer fällt ist ein ganz anderes Thema und entzieht sich komplett meinem Verständnis, aber das ist dann auch Privatsache.

Das was gut ist, was funktioniert und der Mehrheit ein gerechtes Leben ermöglicht bewahren zu wollen ist ja nicht verkehrt. Ganz im Gegenteil. Es darf einen jedoch nicht blind machen für Veränderungen. Und für mögliche Verbesserungen. Denn es geht immer besser. Wir sollten zumindest immer danach streben. Eben das zeichnet doch den Menschen aus oder? Das er sich nicht einfach mit dem zufrieden gibt, was ist. Ich denke das es immer schwerer ist sich einer notwendigen Veränderung später als früher anzuschließen. Und letztlich ist doch eben das Aufgabe der Politik – Dinge zu erklären, verständlich zu machen und für Mehrheiten zu werben. Stattdessen kann man natürlich auch einfach dagegen sein und den Status Quo erhalten wollen, oder sogar zurück in die Vergangenheit wollen. Das ist halt nur nicht sonderlich clever oder anspruchsvoll.

Die CSU war ja nie weg und erfreut uns zuverlässig mit unsinnigen Ideen wie Herdprämie oder Maut über die wir uns das Maul zerreißen können. Zurzeit scheint sie aber wieder ordentlich aufzudrehen. Aus Angst. Das Spiel ist ebenso durchschaubar wie armselig. Für die CSU aber hoffe ich fast, dass es aufgeht solange sie dabei nicht zu viel Schaden anrichten. Lieber rege ich mich im Bundestag über eine CSU auf in dessen Reihen genug merkwürdige Menschen mit kruden Ansichten zu finden sind, als über eine AfD die Rassisten ein Zuhause gibt. Die CSU soll ihrer Rolle gerecht werden, auch wenn ich mich frage wie bitter es sein muss als Partei nur die Funktion der Provokation zu erfüllen, des Einnordens von rechts-konservativen Kräften. Klar, muss auch einer machen aber wird man nicht Politiker weil man gestalten will?

Dobrindt sieht sich durch die linken Kräfte bedroht, ist der Meinung das diese Eliten hier den Kurs diktieren. Dabei ist es eine kleine Regionalpartei mit Bundesweit gerade mal sieben Prozent die hier immer wieder den Diskurs bestimmt. Keine linke Partei erhält wohl so viel Aufmerksamkeit wie die Jungs und Mädchen aus Bayern. Das machen sie wirklich gut. Man stelle sich vor, Die Linke wäre medial dauerhaft so präsent – das lieber Alexander wäre eine Revolution.

Foto-Quelle : ZDF

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By Ben
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