BENSTAGE 17.4 Von der Chance einer Möglichkeit

Die bösen Narrative empahtiloser Trolle

Weil ich mich empört über die Politik Seehofers äußere (heute deswegen weil er Seenotretter kriminalisiert, damals wegen seiner schlicht falschen Argumentation das eine Vergewaltigung in der Ehe niemals als diese gelten gönne und dazwischen wegen jede menge anderer gemeingefährlichen Schwachsinns) muss ich mich als dummer, naiver und polemischer Demagoge denunzieren lassen. Das mag ja alles stimmen, dennoch frage ich mich, was hier gerade schief läuft. Warum muss man mit Menschen ernsthaft diskutieren, dass es richtig ist Menschen die in Not sind zu helfen, wenn man dazu in der Lage ist?

Die Politik die wir hier seit Jahren betreiben ist perfide und fast bösartig. Weil staatliche Seenotrettungsprogramme wie Mare Nostrum zu erfolgreich waren (laut dem IOM hat Mare Nostrum in einem Jahr ca. 150.000 Menschen das Leben gerettet), wurden sie eingestellt. Weil zivile Retter dem massenhaften Sterben auf dem Mittelmeer danach nicht länger zu schauen wollten, organisierten sich mehrere NGO’s an dessen Stelle zu treten. Wohl gemerkt, sie kamen nachdem das alles bereits einen traurigen Höhepunkt erreicht hatte. Nun werden diese NGO’s verboten, die Schiffe beschlagnahmt, die Crews vor Gericht gestellt. Das Narrativ sie würden Schlepper unterstützen, selber Schleppertätigkeiten vollziehen, hat sich im rechten Spektrum festgesetzt. Eine Urwahrheit – sie unterstützen illegale Migration! Die Schweine, hängt sie! Wie geht eigentlich legale Migration, wenn ich aus Afrika nach Europa will? Ach, da gibt es kaum Möglichkeiten. Doof. Auch das, ein weiteres Narrativ. Als ob es legale Möglichkeiten zuhauf gebe. Dabei ist der Begriff Migration erst mal neutral und an sich niemals illegal.

Ich bin nicht naiv. Weltweit sind um die 68 Millionen Menschen auf der Flucht. Zumeist, inländisch. Die Hauptlast tragen arme Länder wie Libyen. Dennoch begeben sich viele Millionen auf den Weg nach Europa. Wohl um die drei Millionen. Ich bin zwar der Meinung das die EU mit 28 Mitgliedsstaaten und 511 Millionen Einwohner das vertragen können sollte, aber okay. Ich verstehe, dass es nicht zu leicht sein soll, dass eine Flucht nach Europa nicht zu attraktiv erscheinen darf. Ich verstehe – auf der rein politischen Ebene – alle diese Argumente. Ich teile sie nicht, aber ich bin wie gesagt nicht naiv. Polemisch und dumm, aber nicht naiv. Ich kann es nur dennoch nicht gutheißen, dass wir Menschen einfach so sterben lassen nur um einen Punkt zu machen. Wir opfern diese Menschen, vergießen nicht mal eine Träne und verteidigen das noch als humanistische Notwendigkeit während wir die, die ihr Leben der Rettung von Menschen in Not gewidmet haben ernsthaft mit kriminellen Schleppern gleichsetzen, ihnen hohe Haftstrafen und Schlimmeres wünschen. Wir reden von Menschen, ich wiederhole das, wir reden hier nicht von Dingen, Tieren oder sonst etwas das wir für unwichtig und gefühllos halten – es sind Menschen verdammt nochmal. Mit einer Stimme, einer Seele und dem Recht auf Leben. Universelle Menschenrechte – die gelten doch nicht für uns Deutsche oder Europäer. Es sind Menschen, wie wir, dessen einziger Fehler wohl ist nicht in Deutschland geboren wurden zu sein. Das gilt übrigens für die meisten Menschen auf diesem Planten und die, die hier geboren wurden, können glücklich darüber sein, auch wenn sie persönlich nichts dazu beigetragen haben. Man wird nicht als Flüchtling geboren und auch Menschen dieses Landes wurden einst dazu. Ist es wirklich so schwer, sich vorzustellen einmal selbst in eine solch schreckliche Lage zu geraten? Vermutlich schon – und sollten wir nicht dankbar darum sein, dass dem so ist?

Wenn ich in der Lage bin jemand anderes zu helfen, ohne gleich mein eigenes Leben zu riskieren, dann tue ich das. Darum bin ich doch Mensch oder nicht? Wenn ein Mensch auf einen zugefrorenen See einbricht der eindeutig als unsicher ausgeschildert, ich in der Lage bin diesem Menschen zu helfen ohne selber dabei zu sterben – dann tue ich das und belehre denjenigen nicht darüber, dass er niemals hätte diesen See betreten dürfen. Oder das wenn ich ihn nun rette, dass als schlechtes Beispiel gelten mag und danach andere den See betreten. Sorry das du sterben musst, aber es wird helfen das andere gar nicht erst diesen Fehler machen. Das ist doch was? Belehren, warnen und bestrafen. Das kann ich alles danach machen, generell ist es nicht mehr das Business der Retter, was mit den Geretteten danach passiert. Sie wollen die Geretteten in guten Händen wissen, letztlich ist das aber nicht mehr ihre Aufgabe. Sie scheren sich nicht um Hautfarbe, sozialen Status, Religion oder sonst was. Sie sehen Menschen in Not und wann immer sie können, helfen sie. Das ist menschlich, das ist, was uns als mitfühlende Wesen auszeichnet.

Ich verstehe viele Positionen die meinem Wertekanon widersprechen nicht. Vieles regt mich auf. Vieles will mir einfach nicht in dem Kopf. Aber weniges erscheint mir so fremd, so falsch, so widersinnig wie der Versuch Retter zu kriminalisieren und Menschen zur Verhandlungsmasse zu degradieren. Nochmal – wir reden über menschliche Wesen. Auch wenn die Trolle in meiner Timeline das gerne auf eine andere, moralisch erhabene Ebene hieven wollen, es ist ganz einfach: Heiße ich die Politik von Seehofer gut, bin ich fein damit das für den Erhalte oder Schutz der Festung Europa Menschen sterben. Ganz einfach. Das unterscheidet sich in keiner Weise mit dem Schießbefehl an der Mauer der DDR wo jeder Flüchtling dem Ansehen der DDR geschadet hätte. Also erschießt man ihn halt, er hätte ja nicht fliehen müssen. Ich bin nicht damit einverstanden das für meinen Wohlstand Menschen sterben. Wohlwissend das wir seit jeher für unseren Wohlstand Menschen in Afrika und anderen Teilen der Welt ausnutzen. Was eben ein Grund von vielen für die Flüchtlingsbewegungen ist. Ich will das diskutieren und bin sehr wohl bereit über unsere Art zu leben zu reden, wenn wir damit ein wenig Leid in der Welt verhindern. Das betrifft eben nicht nur die Reichen unter uns, die mehr Steuern bezahlen oder erst mal weniger hinterziehen müssten, eine Waffenindustrie die abgeschafft gehört, das betrifft auch mein Leben als Durchschnittsmensch der sich ein wenig mehr zusammenreißen müsste. Ich glaube aber nicht das wir deswegen umkommen würden. Ich kann es jedenfalls nicht gutheißen das wir allgemein so cool damit sind das Menschen vor unseren Grenzen verrecken weil sie die falsche Hautfarbe haben. Das ist nicht meine Idee von Menschlichkeit. Wir können leidenschaftlich über Lösungen streiten, aber nicht darüber das man eben aushalten müsste, das einige Wenige zum Wohle Vieler sterben müssen. Bin ich damit fein, darf ich nie wieder von irgendwelchen Werten sprechen oder mich für zivilisiert und irgendwie überlegen halten. Das ist nichts weiter als Barbarei, das Recht des Stärkeren. Dann müssen wir uns ehrlich machen und aufhören davon zu sprechen, dass wir für Menschlichkeit und Gleichberechtigung sind. Sind wir dann eben nicht. Dann doch aber zumindest ehrlich bitte.

Foto : dpa

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By Ben
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