BENSTAGE 17.4 Von der Chance einer Möglichkeit

btw17 // Zwölf // Merkel¹²

Nach drei Legislaturperioden schickt sich Angela Merkel an zum vierten Mal Bundeskanzlerin zu werden und damit den Rekord ihres geistigen Ziehvaters Helmut Kohl einzustellen. Da Frau Merkel 2021 erst 67 Jahre alt ist und Schäuble mit seinen 75 Jahren immer noch im Bundestag herum rollt ohne Ermüdungserscheinungen zu zeigen, bin ich mir nicht sicher ob sie nicht auch noch ein fünftes Mal antreten würde. Bei aller Bescheidenheit die sie an den Tag legt, scheint ihr wie fast allen Machtmenschen das richtige Gespür wann der eigene Zenit übertreten ist, zu fehlen. Ich denke, sie hat ihn längst überschritten. Es könnte ihr dann genauso gehen, wie es einst Kohl erging der nach so vielen Jahren (auch und vor allem aufgrund eigener Fehler) mehr oder weniger vom Hof gejagt wurde. Unter anderem vom Merkel.

Es deprimiert mich immer wieder wenn mir klar wird, wie schwarz diese Republik doch ist. Von 68 Jahren hat die Union mehr als 48 Jahre die Regierung angeführt. Nun kann man sagen, das aus Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg ein ganz vernünftiges Land wurde, also machen die Schwarzen doch einen guten Job. Vielleicht stimmt das, ich komme aber einfach nicht mit dieser konservativen, rückständigen Weltsicht klar. Wer weiß, wie Deutschland dastehen würde, hätte die Union weniger regiert.

Zwölf Jahre Merkel haben das Land einerseits müde gemacht, mürbe könnte man sagen, andererseits ist es aber heute fühlbar mehr gespalten. Zwischen Zufriedenheit und Unzufriedenheit, Wut, Ablehnung, Hass und Verzweiflung. Merkel kann sich da nicht herauswinden, sie ist dafür mitverantwortlich. Wie auch alle anderen Parteien, trägt sie die politische Verantwortung für die AfD. Für Zwietracht und Verachtung. Im Kleinen erleben wir einmal mehr, was in den USA mit Trump geschah. In vier Jahren, könnte sie ebenso „überraschend“ gegen einen Höcke verlieren wie Hillary Trump unterlag. Lernen wir doch aus diesen Fehlern.

Merkel wurde einst zur Königsmörderin als sie quasi Kohl stürzte. Auch wenn wir über die ewige Merkel witzeln, wenn sie sich nicht von sich aus zurück zieht, so wird ihr das einst ähnlich ergeben. Die Frage ist nur, wer ihr einst nachfolgen könnte. Die ach so Ego-lose Merkel hat in den vergangene Jahren erfolgreich alle Rivalen in ihrer Partei kalt gestellt und die Partei enpolitisiert. Die CDU war immer ein Kanzlerwahlverein, aber so schlimm wie unter Merkel war es wohl nie. Die Partei, ist Merkel. Das ist gut solange es funktioniert, bitter wenn es mal misslingt. Dann bleibt nämlich nichts mehr übrig von der eigenen Stärke. Nichts als eine leere Hülle. Eine zeitlang wurde Von der Layen als Nachfolgering gehandelt. Die hat sich inzwischen aber schon ein paar Mal eine blutige Nase geholt. Sie ist jung genug, entschlossen und alles, aber ich glaube nicht populär genug. Natürlich. war Merkel das anfangs auch nicht. Altmeier finden die Leut Ecu ekelhaft, Schäuble ist zu alt, Tauber zu jung, Glöckner zieht einfach nicht (kann aber noch werden, die Frau ist jung) – es mag so recht keiner einfallen der das Format hat, Merkel vom Thron zu stürzen während sie noch im Amt ist. Wenn sie clever ist, wenn ihr die eigene Partei am Herzen liegt (und ich bezweifle das), dann sorgt sie jetzt selber für einen geeigneten Nachfolger und baut in den kommenden vier Jahren jemanden auf, der ihr nachfolgen kann. Ich schiele in Richtung CSU und einen Herrn Guttenberg.

Zwölf Jahre Merkel und das Land scheint spitzenmjsig dazustehen. Ich glaube nicht dass das stimmt. Nicht, wenn man genauer hinschaut. Deutschland lebt von der Substanz, macht zu wenig Fortschritte, geht wichtige Themen zu spät oder gar nicht an. Nicht energisch genug und ruht sich auf seinem Status eine der größten Volkswirtschaften der Welt zu haben auf. Imme noch im Glauben dass das immer so war und immer so sein muss. Bloß nicht dran rütteln. bloß nichts kaputt machen. Es gibt einfach nicht vieles positives was ich über Merkel sagen kann. Das sie eine grauenhafte Rhetorikerin ist, geschenkt. Das kann man, oder eben nicht. Sie kann es nicht und lernt es auch nicht mehr. Ihr zu zuhören, verursacht mir beinahe körperliche Schmerzen. Während andere sagen das sie so Touch ist, halt eich sie für Hasenfüßig und feige. Andere halten sie für bescheiden, ich halte sie für desinteressiert.

Bildung, soziale Gerechtigkeit, Gleichstellung, Infrastruktur, Digitalisierung, Umweltschutz, Chancengleichheit – ich sehe einfach nicht das sie einen positiven Effekt auf diese Themen gehabt hat. Sie ist mir in allen diesen Themen zu sackhaft, zu nahe an der Wirtschaft, schützt zu sehr die Interessen von Lobbyisten und hat kaum eigene Überzeugungen. Sie ist nicht vulgär oder kleehaft, das stimmt und das it gut. Damit hat sie es geschafft das Volk einzulullen. Die Menschen fühlen sich von ihr nicht belästigt, sie strahlt eine gewisse Ruhe aus und das finden die Menschen gut. Sie hat es geschafft das sie nur noch von wenigen in Frage gestellt wird, die meisten halten sie für alternativ los. So muss sie nur noch mit der scheiß Raute werben und die Menschen wissen bescheid. Sie wurde zu einer Marke, ohne eigenen Botschaft. Darin ist sie Trump sehr ähnlich der Jahrzehnte damit zubrachte sich selbst zu einer Marke zu machen der die Leute blind vertrauen. Sie brauchte dazu nur wenige Jahre. Und wie das so ist, einmal Fan ist man von der Marke überzeugt und hinterfragt nicht mehr. Man kann nicht genau erklären warum man Adidas besser findet als Nike, das ist eben so. Die anderen sind scheiße obwohl sie genau dasselbe produzieren und den gleichen schrecklichen Bedingungen.

Vielleicht ist es aber genau das. Merkel spricht die zentralen, gesellschaftlich relevanten Themen mit denen wir uns beschäftigen müssten, die unbequemen sind und uns direkt betreffen, einfach nicht an. Wie z.B. die Massentierhaltung oder den Sexismus. Sie streitet diese Themen nicht ab, aber sie verschiebt sie auf morgen oder nie. Nicht jetzt, wir haben wichtigeres zu tun – Terrorismus zum Beispiel. Da kann sie auch nichts gegen tun, aber man kann daran rumdoktern ohne tatsächlich etwas zu tun. Man schränkt hier und da die Bürgerrechte ein, aber hey, das ist ja für einen guten Zweck. Während ein Vegi-Day in öffentlichen Kantinen ein Angriff auf die Individualität darstellen würde. Es ist so behämmert.

Ich bin fest davon überzeugt das wenn die Menschen genau hinschauen würden, erkennen würden das Merkel viel heiße Luft ist, viel Marke und wenig Qualität. Das sie mit der Stärke dieses Landes wenig zu tun hat. Das sie das Glück hatte Reformen zu erben die hart waren, ihr nicht angelastet werden aber das Land im Ganzen nach vorne gebracht haben. Schrecklich erkauft auf dem Rücken derer, die sie eh nie gewählt haben und denen heute kaum noch einer zuhört. Sie verwaltet, reagiert widerwillig aber sie agiert nicht. Frau Merkel ist keine Gestalterin, weiß gar nicht was mit Staatskunst gemeint ist, sie ist eine Aufseherin.

Es ist eine Generation herangewachsen die nie ein anderes Staatsoberhaupt erlebt hat. Das finde ich nicht gesund. Es fühlt sich einfach nicht nach Demokratie an, nach Bewegung, danach das etwas lebendig ist. Es kommt einer Monarchie gleich und das finde ich grässlich. Vielleicht, müssten wir ebenso wie die Amerikaner die Legislaturperioden begrenzen. So würde zwangsweise Veränderung entstehen. Trump bleibt noch maximal sieben Jahre im Amt. Grausame sieben Jahre in denen er für viele Generationen große Schäden anrichten kann, aber er ist in sieben Jahren weg. Frau Merkel könnte uns noch sehr viel länger erhalten bleiben, wenn sie es will und wenn es keine Alternativen gibt. Die gibt es. Aber sie hat es geschafft das diese nicht mehr wahrgenommen werden. Sie lähmt einfach alles, es gibt kaum noch echte, politische Debatten, einen echten Diskurs, ja Streit. Ich mag dieses Land unter Merkel einfach immer weniger. Dieses Einerlei, dieses debattieren um Themen die es nicht wert sind und das Ausblenden notwendiger Debatten. Ich will eine echte Streitkultur, den leidenschaftlichen Austausch von Ideen, Visionen und Angebote an das Volk. Ich will das Wahlen spannend sind, ich will das sich Demokratie lebendig anfühlt, aufregend und ich will das sie uns allen wichtig ist. Wir dafür brennen. Unter Merkel brennen höchstens Asylheime. Aber nicht mal das, ist ein Thema. Es ist einfach genug, es wird nicht mehr besser werden. Es ist langweilig. Merkel muss weg – nicht eben der 800.000 Flüchtlinge 2015 sondern wegen allem anderen. Weniger wegen dem was sie tat, sondern was sie nicht tat.

Heute, wird sie einen weiteren Sieg feiern. Und auch wenn die CDU deutlich verlieren wird, so wird sie dafür gefeiert werden. Dabei müsste sie angesichts der Stimmung im Land, dem Hass der immer offensichtlicher zu tage kommt demütig sein, sich entschuldigen und sich diesem Thema annehmen. Selbstkritisch und mit Leidenschaft. Aber das wird sie nicht tun. Sie wird weiter machen wie immer, die nächste Krise verwalten und sich durchschlängeln. Ich komme immer wieder darauf zurück was Richard David Precht im Interview mit Tilo Jung gesagt hat „Ich glaube das die Merkel Jahre (…) als verdammt verlorene Jahre dastehen werden“. Es wird noch eine Weile dauern, aber ich glaube noch zu meinen Lebzeiten werden auf diese Zeit zurückblicken und uns selbst bedauern. Das wir uns mit Flüchtlingen und andere Nichtigkeiten beschäftigt haben, während wir die wirklich wichtigen Themen die uns dann um die Ohren flogen ignoriert haben.

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By Ben
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Zum Finden berufen, zum Suchen verdammt.

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