BENSTAGE 17.4 Von der Chance einer Möglichkeit

btw17 // Vier // Ich wähle

Kurz halten hatte ich gesagt? Knapp 3.800 Wort und mehrere Tage für den letzten Artikel. Und das war erst der Dritt und eigentlich wollte ich 17 bis nächste Woche Sonntag verfassen… Dabei stelle ich langsam schon fest, das mich das Thema langweilt und abnervt. Dann wiederum, und deswegen ist der letzte Titel so ausgeufert, es gibt ja genug was mich interessiert, was ich für relevant halte. 

Bevor ich mich kurz mit all den Parteien beschäftige die ich nicht wählen werde und warum, nun wirklich kurz und knapp zu der Partei der ich ein weiteres Mal meine Stimme geben werde.

Ich gehöre wie bereits erwähnt nicht zu den Unentschlossenen, die bis zum Urnengang nicht wissen wo sie ihr Kreuzchen machen. Ich wähle seit mehreren Jahren Links und sehe zurzeit auch keine Alternative dazu. Als ich das erste mal wählen durfte, wählte ich wie viele das, was die Eltern wählten. Das war damals noch die SPD, ich will gar nicht wissen wo mein Vater dieses Mal sein Kreuz machen wird… Als ich dann anfing mich intensiv mit Politik zu beschäftigen fand ich mich bei den Grünen wieder. Die Hartz 4 Reformen, vor allem aber der Afghanistan Einsatz und das betreiben s.g. Realpolitik hat mich dann zu den Linken getrieben. Solange es die Özdemirs und Kretschmann’s sind die die Grünen bestimmen und nicht die Habecks, bleibt diese Partei unzählbar für mich.

Ich weiß nicht mehr genau wie lange, aber seit ein paar Jahren wähle ich stets Links. Dabei sind die Linken weit davon entfernt perfekt zu sein, auch stimme ich nicht in allen Punkten mit ihnen überein. Weniger interessiert mich dabei die SED Vergangenheit. Das sind für mich einfach Geschichten die irgendwann auch mal erledigt sein müssen. Ich hatte mit diesem System nichts am Hut und lasse das als Argument dagegen auch nicht gelten. Ich finde in jeder Partei Dinge der Vergangenheit die nicht gut waren. Es geht mir darum wofür diese Partei heute steht und nicht wofür die Vor-Vorgänger Partei stand. Und ja, ich weiß innerhalb der Linken finden sich auch ein paar Vollidioten die kruden Ideen nachhängen. Die finde ich aber nun mal überall und besser sie ereifern sich in einer Partei als Autos anzuzünden.

Ich habe die Linke nie aus Protest gewählt. Generell habe ich meine Stimme glaube ich nie genutzt um vor allem Protest auszudrücken. Darum bin ich nicht sonderlich traurig das die Linke nicht mehr als Protestpartei taugt. Für die Partei selbst, ist das jedoch schon ein Problem. Ich aber wähle diese Partei aufgrund ihrer Inhalte, ihrer Überzeugungen. Sie steht für vieles, was mir wichtig ist. Dies sind aber oft Themen die, schaut man genauer hin, mich persönlich gar nicht wirklich betreffen. Oder die sogar irgendwann einmal dafür sorgen könnten das ich mehr zahlen muss und ich denke genau das, verstehen viele nicht. Aber genau darum geht es denke ich wenn wir über links sprechen. Ich verachte wenige Dinge mehr als Schublanden denken, aber der Linke stellt eben nicht vor allem sich selbst in den Vordergrund sondern möchte, dass es neben ihm vor allem den Schwächsten in der Gesellschaft gut geht. Ich will mich damit nicht überhöhen oder aufspielen. Der AfD’ler wählt jene Gestalten jedoch aus rein selbstsüchtigen Motiven. Er will das sein Leben besser oder anders wird oder gleich bleibt. Ich will das auch, vor allem aber will ich nichts mehr über hungernde Kinder in diesen Land lesen müssen, schlechte Bildung, Altersarmut (ob sie mich mal betreffen wird oder nicht), Rassismus, Krieg oder Sexismus. Ich will diese Themen überwinden und an einer besseren Zukunft arbeiten.

Ich glaube, das sich Gesellschaften von unten auflösen. Trump ist ja nicht (oder nicht nur) von den Eliten ins Weiße Haus gebracht worden, sondern eben von der Unterschicht die mal Mittelschicht war oder sein will. Wenn diese Menschen (ich weiß gar nicht ob ich mich da ausschließen sollte, Oberschicht bin ich ja sicher nicht) das Gefühl haben vernünftig behandelt zu werden, haben sie auch keinen Grund Radikale zu wählen. Eigentlich ist es ganz einfach: Fick nicht die kleinen Leute, dann halten sie auch die Fresse. 

Ich wähle die Linke weil sie bei allen ihren Fehlern feste Überzeugungen hat für die sie einstehen und für die sie leidenschaftlich kämpfen. Im Bundestag bringt die Linke die meisten Anträge ein, stellt die meisten kleinen Anfragen und hat die Regierung damit schon oft gezwungen Dinge einzugestehen, die sie gerne verheimlicht hätten. Wir kriegen das oft nicht mit, aber sie arbeiten hart und nehmen ihre Aufgabe einer streitbaren Opposition sehr, sehr ernst. Ich halte überhaupt nichts davon dagegen zu sein nur um dagegen zu sein, sehr wohl aber will ich eine Opposition die den Finger in die Wunde legt und darin herumdrückt bis es weh tut. Dort wo es eben sonst (Hallo Medien!) keiner tut.

Die Linke ist eine der letzten Parteien der ich abnehme Positionen zu vertreten, die sie niemals aufgeben würden. Auch wenn ein Gysi zurecht darum wirbt das man Kompromissbereit sein muss, wenn man irgendwann einmal Regierungsverantwortung übernehmen wolle (solange es zumindest in die richtige Richtung geht, seien die Schritte auch kleiner aus man selbst fordert), so weiß er auch das es bestimmte Rote Linien gibt die die Linke niemals übertreten darf. Einfach weil sie dann keine Daseinsberechtigung mehr hätte. Ich muss jedes mal wütend lächeln wenn irgendein arroganter SPD’ler von der Linken fordert sich komplett zu ändern, die Positionen der SPD anzunehmen bevor man über ein Bündnis nachdenken könnte. Warum sollten sie? Um eine SPD-Light zu werden? Dann könnten beide Parteien auch gleich (wieder) fusionieren. Die Linke vertritt, was einmal die Sozialdemokratie vertrat, sie versucht zu sein was die SPD mal war, wofür sie mal stand. Es bräuchte die Linke nicht wenn die SPD ihre eigene Geschichte ernst nehmen würde und zu ihren ursprünglichen Werten stehen und zurückkehren würde.

Die Linke setzt sich für Frieden ein, soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und eine aufgeschlossenere, gerechtere Gesellschaft. Sie will das Sprachrohr derer sein, die sonst keine Lobby haben. Tragisch ist nur das sie ein Großteil derer für die sie kämpft, selbst nicht mehr erreicht. Hört man den Reden der Linke zu erfährt man das sie weitaus mehr sind als die Arm gegen Reich Partei. Auch wenn man sie gerne darauf reduziert. Sie fordern mehr als nur die Vermögenssteuer oder allgemein Reiche mehr an die Kandare zu nehmen. Ich werde aber das Gefühl nicht los, dass es eine offene, ehrliche Debatte über die Ideen der Linken in Deutschland nicht geben darf. Gute Löhne, vernünftige Renten, soziale Gerechtigkeit, Investitionen in die Zukunft, weniger Arbeit, mehr Zeit für Selbstentwicklung, Bildung für alle, Frieden – wer kann was gegen diese Themen haben? Wenn es dann gar nicht mehr anders geht, wird die SED Vergangenheit rausgeholt und auf dem Unrechtsstaat herumgeritten und warum man sich nicht zum millionsten Mal davon distanziert. Eigentlich recht durchsichtig und dennoch funktioniert es. Deutschland darf einfach nicht links wählen. Geht einfach nicht.

Dieser Wahlkampf der Linken ist wie jeder andere zuvor – langweilig. Dieser ist sogar etwas schlimmer finde ich. Es ist na klar ein Problem wenn man tatsächlich was zu sagen hat. Wenn man mehr zu bieten hat als nur hohle, aber immerhin Fernsehen-gerechte Phrasen. Wenn man darauf angewiesen ist, dass andere ein wirklich zuhören. Zumindest aber könnte die Linke mal geilere Plakate herstellen. Das sind nun mal Eyecatcher (sollten es sein) und die der Linken sind immer mit die hässlichsten und billigsten. Mein Designer-Herz weint jedes mal wenn ich die sehe. Vor allem sehen die von Wahl zu Wahl immer irgendwie gleich uninspiriert vor. Einfach unsexy. Ich glaube zur letzten BTW war es, wo die Linke mit Forderungen von Helmut Kohl Werbung gemacht hatte, das war zumindest witzig.

Die Linke an sich ist einfach nicht sexy. Sie hat eine komplizierte Vergangenheit, ein Geschmäckle wie es heißt, verschiedene Flügel die leidenschaftlich aber nicht clever um Positionen ringen und zumindest zwei sehr prominent Sprecher – Sahra Wagenknecht und Gregor Gysi – die sich Spinnefeind sind. Ich bedaure das sehr. Beide sind so wichtig für die Partei, beide haben ihr so viel zu bieten. Spöttisch könnte man sagen wenn Sahra das Hirn der Partei ist, dann ist Gregor ihr Herz. Es braucht beides um vollkommen zu sein. Die beiden streiten selten bis gar nicht öffentlich, aber es ist bekannt das sie sich nicht ausstehen können, selten einer Meinung sind und ich denke das hat der Partei sehr geschadet. Die Linke hat wie viele Parteien ein Nachwuchsproblem. Sie vergreist langsam und verhindert so gleichzeitig das neue Gesichter nach Vorne kommen. Ich habe oft darüber nachgedacht der Linken beizutreten, tue es auch jetzt gerade wieder, glaube aber einfach für Politik zu ungeduldig zu sein.

Die Linke streitet für relevante Themen. Sie nimmt keine Spenden von größeren Firmen an und steht absolut nicht unter dem Verdacht die Interessen irgendwelcher zwielichtigen Lobbyisten zu vertreten. Sie streitet wie gesagt vor allem für die, die sie selber nicht mehr erreicht. Die, die sich inzwischen vollkommen von der Politik angewandt haben und höchstens noch von der AfD an die Wahlurne gelockt werden. Das ist tragisch. Die Linke muss aber der Versuchung widerstehen die bessere Protestpartei sein zu wollen. Die Linke muss keine Protestpartei mehr sein, sie macht ernsthafte Angebote und soll dafür gewählt werden.

Das Bild was die Linke zeichnet – Arme sind immer gut und Reiche sind alle schlecht – ist auch mir oft zu platt und zu einfach. Die Linke soll Probleme und Missstände weiter klar benennen und darüber reden worüber anderen nicht reden wollen, aber sie muss differenzierter werden. Nicht jeder Top-Manager ist ein schlechter Mensch, nicht jeder Unternehmer ist ein Despot. Letztlich scheitern die meisten Menschen deswegen an der Linken weil diese – längerfristig – tatsächlich von einem anderen System redet. Damit ist sie komplett alleine, was Koalitionen fast unmöglich macht. Für die meisten bedeutet anders gleich schlechter, bzw. unmöglich. Die meisten könne sich nicht vorstellen das man anders leben könnte, dass eine Wirtschaft auch anders funktionieren könnte. Vor allem nicht in einer globalisierten Welt. Das weiß die Linke auch und sicherlich hat sie nicht auf alles eine Antwort. Aber sie stellt die richtigen Fragen, versucht den Fokus auf die relevanten Themen zu lenken wo andere einfach immer nur weiter machen wie bisher.

Ich weiß selber nicht ob ich noch an einen so radikalen Wandel glaube, ob ich mir vorstellen kann einen solchen Wandel noch in meiner Lebenszeit zu erleben. Ich glaube aber fest daran das wir dem Wunsch, der Sehnsucht nach einer anderen Welt Ausdruck verleihen müssen. Es werden nicht die Konservativen sein die eine Utopie wie wir sie z.B. in Star Trek sehen möglich machen werden. Ich glaube daran das man anders leben kann, das dies nicht für immer Science Fiction bleiben muss. Der Weg dahin ist lang, hart und voller Enttäuschungen. Ich glaube aber das man es zumindest versuchen muss. Davon träumen muss. Politik ohne Visionen ist nur Verwaltung. Schon deswegen kann ich keine reaktionären, konservativen Kräfte wählen. Das schätzend was ich habe will ich immer weiter vorangehen, neugierig sein, das reparieren was kaputt gemacht wurde und besser werden.

Ich wähle die Linke aus voller Überzeugung und wünsche mir sehr das sie vor der verfickten AfD dritte Kraft bleiben werden, glaube es aber irgendwie nicht. Je stärker die negativen Kräfte werden, desto wichtiger ist es diesen etwas entgegen zu setzen. Das ist nicht Merkel, das sind für mich die Linken. Ein Partei mit wahnsinnig vielen Fehlern die aber so wichtig für dieses Land ist und die es einfach braucht. Und sei es eben nur als starke, streitbare, ehrliche Opposition.

Ben wählt links. Seien sie wie Ben.

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By Ben
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Zum Finden berufen, zum Suchen verdammt.

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