BENSTAGE 17.4 Von der Chance einer Möglichkeit

btw17 // Neun // Die Partei

Bevor ich mich der Blauen Gefahr widme, ein paar Worte zur Satire-Partei Die Partei. Ich weiß nicht ob es nur an meiner Filterbubble liegt, aber in den letzten Tagen des Wahlkampfes, scheint das strittigste Thema ob der Versuch mit einer Satire-Partei signifikante Wahlergebnis einzuheimsen und den etablierten, ernsthaften Parteien wertvolle Stimmen zu klauen okay ist oder zu weit geht. Satire darf ja bekanntlich alles, aber nicht wenn sie den Großen die Show stiehlt.

Während Kanzleramtschef Altmeier sich tatsächlich erblödet gleichermaßen vor der AfD wie auch den Linken zu warnen und stattdessen rät lieber nicht zu wählen, empören sich andere über Martin Sonnenborns bestreben nach dem EU auch das Deutsche Parlament zu entern. Satire müsse ja auch Grenzen haben und das hier, sei einfach nicht witzig. Es würde die Politik ab absurdum führen. Nun, wir würden diese Debatte nicht führen, wäre sie dort nicht längst von alleine angelangt.

Die Frage ist ja, für wie dämlich uns die Politiker tatsächlich halten. Die, die überlegen der Partei ihre Stimme zu geben tun dies nicht weil sie mindestens doppelt so viel Gerechtigkeit wie die SPD fordern, oder das Managergehälter zukünftig an der BH Größe bemessen werden. Einige, mögen dies tun weil sie es witzig finden so quasi ungültig wählen zu können, ohne als Nichtwähler zu gelten. Man war dabei, hat aber dennoch das Establishment gefickt. Die meisten, blicken ja aber dahinter.

Ich halte Martin Sonneborn für einen hoch-politischen, leidenschaftlichen Menschen. Und dumm ist er sicherlich auch nicht. Er hat eben einen anderen Weg gewählt, wichtige Inhalte zu transportieren und versucht die Menschen, ähnlich wie Gregor Gysi, über den Humor zu erreichen. Er treibt es eben nur auf die Spitze. Das der Kançler-Kandidat Serdar Somuncu ein politisch engagierter Mensch ist und weit aus mehr als ein plumper Comedian, sollte bekannt sein. Jahrelang stand er mit schußsicherer Weste auf der Bühne und versuchte Nazis beizubringen warum die Ideologie eines Hitlers, eines Göbels gefährlich wie auch lächerlich ist. Der Mann hat buchstäblich sein Leben für seine Überzeugungen riskiert. Mehr Engagement geht fast nicht. Man mag seine Kunst mögen oder nicht, man kann ihm aber nicht vorwerfen es nicht ernst zu meinen. Aber auch er, geht eben einen anderen, zuweilen schockierenden Weg. Die Kontroverse ist ein Vehikel für ihn. aber er schockt eben nicht, um des Schockens willen.

Mir war immer klar welcher Partei ich meine Stimme gebe, geben muss. Wenn ich es aber nicht wüsste, wenn ich zerrissen wäre zwischen nicht wählen und möglicherweise radikal, weil ich das System etwas durchschütteln will, ich würde wohl der Partei meine Stimme geben. Ich kann zumindest verstehen wenn auch gebildete, engagierte, leidenschaftliche Menschen darin eine echte Alternative sehen. Es geht über den Humor, die Comedy, die reine Satire hinaus. Wer (die meisten) Die Partei Wähler für plumpe Vollidioten wählt, irrt.

Während Martin Sonneborn immer wieder Spaß daran hat die kleinen Absurditäten des EU-Alltags zu karikieren, so ist er auch dafür bekannt beeindruckende Reden zu halten die Missstände mit solch klaren Worten anklagen, wie man sie sich von den so genannten etablierten Parteien wünschen würde. Er hat eben nichts zu verlieren, ist niemanden etwas schuldig. Nur sich selbst verpflichtet.

Die, die sich über Die Partei echauffieren, darüber das sie den „echten“ Parteien wertvolle Stimmen klaut die quasi verschenkt werden da sie ja am Ende unter Andere in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, vergessen wie es überhaupt dazu kam, dass die Partei für einige zu einer echten Alternative wurde. Noch dazu, haben sie ein merkwürdiges Demokratieverständnis. Zu dieser Wahl sind mehr als 40 Parteien zugelassen. Jede Stimme die nicht an die Fünf Großen geht ist also verloren? Weil die kleinen Parteien ja keine Chance haben über die 5% Hürde zu kommen? Wenn dem so wäre, wie sollen dann überhaupt neue Parteien je eine Chance haben? Oder sollen sie das vielleicht gar nicht?

Und was würde nun passieren wenn Die Partei über die 5% kommt? Nun, das wäre sicher interessant. Ein paar Überhang-Mandate würden ja schon reichen. Ich habe irgendwo gelesen (überflogen) das für Kreuzberg 25.000 Stimmen notwendig wäre? Das scheint nicht unmöglich. Die einen sagen, aus Mangel an echten Themen wird gerade die Partei gehypt die in der Realität absolut keine Chance hat. Ich denke da ist was dran. Zumindest wird sie momentan nicht von irgendwelchen Umfrageinstituten geführt. Aber was, wenn sie doch rein kommt? Ist die Truppe um Sonneborn überhaupt bereit dazu? Sonneborn selbst auf jeden Fall, Serdar wohl weniger. Der Mann ist Künstler, das ist seine Leidenschaft, das ist sein Medium. Ich glaube nicht das er Lust hat sich auf diese Bühne festzulegen. Aber geil fände ich es schon. Ähnliches gilt vermutlich für Nico Semsrott, dem Gesicht der Krise. Ich denke also, wenn Die Partei in den Bundestag einziehen würde, müsste sie erst mal Leute organisieren.

Was würde aber ein sieben Parteien Parlament bedeuten? Na ja, auf jeden Fall würde es schon mal teurer werden. Aber auch bunter. Auch, wird das schmieden von Koalitionen noch schwerer. Weil Die Partei nicht etabliert ist, ihrer Unterstützer den Tabubruch sogar voraussetzen, könnten wir uns auf spannende Debatten mit den Idioten der AfD freuen. Mir wäre es das fast wert. Politik könnte so wieder spannend werden. Und nein, das ist der Politik nicht unwürdig. Unwürdig macht die Politik ganz andere Dinge. Würde und Langweile müssen nicht immer dasselbe sein. Unseriös, finde ich ganz andere Dinge als gelegentliche Gossensprache.

Ich frage mich, ob Die Partei so mit der Zeit von einem satirischen Kunstprojekt aus versehen zu einer echten, ernsthaften, engagierten und lebendigen Alternative werden könnte? Eine undogmatische, freche, frivole, linke Alternative ohne den Ballast den die Linke mit sich herumträgt. Warum soll das absurder und gefährlicher sein als die AfD?

Leider hat Tilo niemanden von der Die Partei im Zuge seiner btw17 Berichterstattung interviewt. Das wäre sicher beides geworden, unterhaltsam wie auch absurd. Aber eben auch interessant. Denn ich glaube, man unterschätzt diesen bunten Haufen. Letztlich denke ich das Die Partei zurzeit mehr gehypt wird, als tatsächlich dran ist. Sie wird, hier und da Achtungserfolge erringen. Aber schon ein Überhangmandat wäre ja eine Sensation. Eine, die mich durchaus freuen würde, aber ich glaube nicht daran. Nicht dieses Mal, aber wer weiß was in vier Jahren ist.

Wahlprogramm der Die Partei

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By Ben
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