BENSTAGE 17.4 Von der Chance einer Möglichkeit

btw17 // Eins // Eine Einleitung

In 20 Tagen (der Kommentierende verfasse das Gros dieser Zeilen bereits gestern) entscheiden wir, welche Partei Frau Merkel zu ihrer vierten Kanzlerschaft verhelfen darf. Angie Wars Episode 4 – Keine Hoffnung. Reicht es für SchwarzGelb, muss Cem Özdemir seine Grünen zur ersten bundesweiten Jamaika Koalition zwingen überreden oder setzen wir einfach die GroKo fort? Four times is a Charme. Schwierig, schwierig… 

Während wenig Zweifel daran besteht, wer dem 19. Bundestag der Bundesrepublik vorstehen wird, scheint dies neben dem scheinbar unvermeidlichen Einzug der AfD in das Parlament die spannendste Frage zu sein. Welche Farbe wird der Steigbügelhalter der ewigen Kanzlerin dieses Mal haben? Der vierte Sieg von Merkel über die Chance einer Möglichkeit scheint reine Formsache. So verlief auch das gestrige TV Duell zwischen Merkel und Schulz wie erwartet. Nein, eigentlich noch schlimmer. Neben AfD Themen vor allem Einheitsbrei, nichts was tatsächlich relevant ist, sein müsste, wurde auch nur ansatzweise diskutiert. Von einer längerfristigen Vision will ich gar nicht erst reden. Visionen sind sooo 20. Jahrhundert. Nichts, was dem System Merkel hätte gefährlich werden können. Eine Twitter-Nutzerin faste es am besten zusammen: „Bitte gehen sie trotzdem wählen“. Ich glaube, der erste Tweet den ich je retweetet habe.

Auch wenn der Verfasser dieser Zeilen sich eines gewisses, ermüdenden Zynismus nicht erwehren kann (ich schwöre, ich hatte einen ganz anderen Anfang im Sinn), so will ich mich voller Überzeugung diesem Appel anschließen. Ja, wirklich. Ich war seit jeher ein politischer Mensch. Auch wenn dieser Ort Worten vor allem der Fantasie und der Erschaffung anderer Welten gewidmet sein soll, so konnte ich mir den einen oder andere politischen Kommentar in der Vergangenheit nicht verkneifen. Und ich möchte es auch gar nicht. Ebenso wie die Fantasie ein Teil meines Lebens ist, so ist es auch meine Leidenschaft für die Staatskunst. Auch wenn ich die Politikverdrossenheit vieler immer besser verstehen kann, so kann ich mich nicht von der Grundfunktion unseres demokratischen Systems abwenden. Wählen zu können, ist ein Privileg. Der Mär das wir keine Wahl haben – weil sich alle Parteien zu sehr ähneln und es daher kein Unterschied mehr macht wen wir wählen – widerspreche ich vehement.

Ich habe mir daher vorgenommen der #btw17 insgesamt 17 Artikel zu verschiedenen Themen zu widmen. Dabei soll es mir um mehr als das Übliche Politiker-Bashing gehen. Das ist einfach und macht auch Spaß, bringt aber nichts. Seit elf Jahren Politik kommentierend, bin ich in meinen Dreißigern angekommen inzwischen versucht vor allem konstruktiv zu sein. Ich möchte daher vom Stammtisch aufstehen und über Alternativen und Ideen nachdenken. Auch wenn der Wählende in sich die gleiche Verdrossenheit und mitunter sogar Abscheu gegenüber der politischen Kaste verspürt wie viele andere, so werde ich mich dennoch um Contenance und Relevanz bemühen. Weniger möchte ich dabei für die Partei werben der ich zum wiederholten Male meine Stimme geben werde, sondern vor allem für die Demokratie selbst. Ich werde erklären warum ich wähle, wen ich wähle, warum ich die anderen nicht wählen kann und warum man überhaupt wählen sollte.

Neben dieser etwas misslungenen Einleitung, soll es mir in diesen Artikel kurz um ein paar Empfehlungen zur politischen Meinungsbildung gehen. Man kann unseren Medien nicht vorwerfen, dass sie ihren Auftrag hier nicht gerecht werden. Beinahe jeden Tag bringen vor allem die Öffentlich-Rechtlichen irgendeinen interessanten Hintergrund, wie z.B. die wichtigsten Versprechen der wichtigsten Parteien oder Visionen der Sonstigen Parteien. Vor wenigen Tagen ging der inzwischen schon traditionelle Wal-O-Mat online, welcher auf spielerische Art & Weise die eigenen Schwerpunkte den Angeboten der verschiedenen Parteien zuordnet. Wer überhaupt keine Idee hat, welche Partei ihr oder ihm nahe steht, kann sich hier zumindest eine Inspiration holen.

Vor allem möchte ich hier aber zwei Angebote hervorheben. Zum einem ist das Jung & Naiv. Seit nun mehr vier Jahren interviewt Tilo Jung hier in der Rolle des politischen Neulings das Who-is-Who der deutschen Politik-Szene. Mehr noch, immer wieder schaut er über den geopolitischen Tellerrand und hat regelmässig internationale Gäste zu den verschiedensten Themen vor dem Mikro. Mal charmant, mal witzig, mal aggressiv, aber stets um Relevanz bemüht. Die regelmässige Übertragung der BPK hat mir einige Illusionen über unsere Politik wie auch über unsere Medien geraubt. Mitunter tut das sogar weh, ist aber gerade deswegen so wertvoll. Jung & Naiv ist eine kleine, unabhängige Unternehmung die ausschließlich durch Spenden finanziert wird. Umso beachtlicher ist es, was die Truppe um Tilo schon auf die Beine gestellt hat. Zur Bundestagswahl befindet sich Tilo auf Wahlkampftour und versucht jeden der von Interesse ist vor die Kamera zu bekommen. Bei diesen teils 90 minütigen Gesprächen kommt so wahnsinnig viel mehr raus, als bei jeden endlos durchgeskripteten Sommerinterview oder Bericht aus Berlin, die ich mir dieses Jahr auch beinahe vollständig gespart habe. Nach vielen Folgen habe ich dieses Jahr ebenfalls das erste Mal gespendet und werde das jetzt noch einmal wiederholen – bitte nachmachen!

Die zweite Empfehlung hat ebenfalls mit Tilo zu tun, denn es ist der von mir heiß geliebte Aufwachen-Podcast den er seit knapp 2,5 Jahren zusammen mit dem Soziologen Stefan Schulz betreibt. Im Prinzip kann man sich damit das tägliche Nachrichtenschauen sparen, denn eben dies erledigen die beiden mit großer Hingabe für den geneigten Zuhörer und fassen das Geschehen oder Ungeschehen der Akteure dabei mal witzig, mal kontrovers aber stets eloquent zusammen. Dabei fällt auf das die beiden keineswegs immer derselben Meinung sind sondern mitunter hart mit den jeweils anderen ins Gericht gehen.

Ich habe es ausschließlich den beiden zu verdanken das ich von der Wahl Trumps Ende 2016 wenig überrascht war, weil die beiden – ich glaube als einzigste – den kompletten Vorwahlkampf gecoverd hatten. Dies spricht Bände über unsere milliardenschwere Medienlandschaft. Inzwischen hat der Aufwachen-Podcast immer wieder hochkarätige, vor allem aber interessante Gäste, die tatsächlich etwas zu sagen haben. Nicht selten dauern die zweimal wöchentlich erscheinenden Episoden vier Stunden, ich glaube eine Folge ging mal an die sechs Stunden. Das interessante dabei ist aber, dass es eben nicht langweilig wird. Dies beweist das es nicht die Länge eines Formates ist, die den Zuhörer oder Zuschauer ermüden lässt. Tilo und Stefan erfreuen sich einer immer größer werdenden Fangemeinschaft, die ebenso engagiert wie interessiert ist. Auch der Aufwachen-Podcast finanziert sich ausschließlich durch Spenden seiner Produzenten. Auch hier stieg ich dieses Jahr in den elitären Kreis der Ein Prozent auf und plane ebenfalls dies zügig zu wiederholen. Neben allen Themen die es wert sind in den Nachrichten aufzutauchen (oder auch nicht), widmen sich Stefan und Tilo natürlich ebenso der Bundestagswahl. Hier zum Beispiel bin ich über das RTL Townhall-Meeting Format aufgeklärt worden, welches ansonsten vollkommen an mir vorbei gegangen wäre.

Stefan hat letztes Jahr außerdem sein erstes Buch veröffentlich – Redaktionsschluss, die Zeit nach der Zeitung – welches sich ebenfalls kritisch mit der Medienlandschaft auseinandersetzt. Sehr zu empfehlen, auch wenn ich den einen oder anderen Absatz mehrmals lesen musste.

Weder meine politische Bildung, noch mein täglicher Nachrichtenkonsum besteht ausschließlich aus diesen beiden Formaten. Gleichwohl sind sie aber ein entscheidender Teil davon geworden, den ich nicht mehr missen möchte. Ich kann sie nur wärmsten empfehlen, auch über die Bundestagswahl hinaus.

Dies soll mir als Einleitung meines kleinen btw17 Reigen reichen. Weiter geht es die Tage mit meiner persönlichen Prognose.

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By Ben
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Zum Finden berufen, zum Suchen verdammt.

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