BENSTAGE 17.4 Von der Chance einer Möglichkeit

Aufarbeitung

Charlottesville. Eine kleine Stadt in Virginia die über die Staatsgrenzen der USA bis vor kurzen kaum jemand kannte. Nun steht sie für Hass, Rassismus, Gewalt, Nazis und einen irrlichternden Präsidenten der zu feige ist die beim Namen zu nennen, die für den Tod einer jungen, engagierten Frau verantwortlich sind, die offensichtlich mehr Mut besaß als eben jene Karikatur von einem großen Staatsmann.

Den zahllosen, teils sehr pointierten Analysen und Empörungen um die letzte Episode der Rassenunruhen in den USA muss ich keine weitere hinzufügen. Nur zwei Dinge möchte ich für mich festhalten. Zunächst die Feststellung das es zu einfach ist immer auf andere zu zeigen und sich zu empören. Vergessen wir nicht das ähnliche Dinge hier auch immer wieder passieren und dabei weitaus weniger Presse machen. Während wir über islamistisch-motivierten Terror wochenlang berichten und empört nach Konsequenzen schreien, sind die Taten rechter Gruppierungen meistens nicht sehr lange Thema und werden weitaus weniger emotional diskutiert. So scheint es zumindest.

Meine zweite Feststellung ist mehr eine Frage. Kann es sein das die Rassenunruhe die die USA nicht erst seit gestern, nicht erst seit Trump beschäftigen, eine Folge von mangelnder Aufarbeitung sind? Um nicht missverstanden zu werden: Trump hat Rassismus nicht erfunden, auch hat er nicht die Alt-Right Bewegung verschuldet oder den KKK gegründet. Sicherlich hat er aber mit seinen Wahlkampf dafür gesorgt das die Anhänger dieser Ideologien sich wieder aus ihren Löchern trauen und Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. Trump, hat den Hass nicht erfunden. Aber er hat ihn wieder salonfähig gemacht. Sein versprechen „Make America Great Again“ heißt für viele, „Make America White, and just White Again“.

Als die USA in den 40er Jahren in Europa die Nazis aufgrund ihrer menschenverachtenden Verbrechen zurecht bis aufs Blut bekämpften, herrschten bei ihnen zu hause krasse Rassenunruhen. Den Gipfel erreichten diese Unruhen in den 60er Jahren. Dann schien es besser zu werden, doch überwunden haben die USA diese Geisel der Vergangenheit bis heute nicht. Ebenso wenig wie wir das haben, die AfD ist unter anderem ein Zeugnis dessen. Und doch möchte man glauben das wir ein wenig differenzierter sind, als es uns die USA unter Trump erscheinen. Ist das nur die ungebildete Arroganz eines Alt-Europäers? Oft schaut das alte Europa geringschätzig auf die noch junge Demokratie und denkt „Ja mei, sie wissen es halt noch nicht besser.“ Aber ist das gut genug?

In Charlottesville sind heute Nacht vier Pro-Südstaaten Denkmäler entfernt worden. Erinnerungen an die Sklaverei die viele als Provokation und schlicht falsch empfinden. Ist die Empörung über Zeugnisse einer Geschichte die ja nun mal passiert ist gerechtfertigt? Vielleicht kann man die Frage beantworten wenn man sich vorstellt wie es wäre wenn in jeder Stadt Hitler, Himmler, Hess Statuen herumstehen würden. Würden wir das akzeptieren? Würden wir dies, obwohl es ja nur die Zeugnisse einer passierten Geschichte sind gutheißen? Uns damit wohl fühlen? Bedeutet eine Staute per se das man jene Person abfeiert? Ehrt man nur die mit Stauten, denen man einen positiven Einfluss auf die Geschichte zuschreibt? Oder anders gefragt, wird man einmal Trump Statuen aufstellen?

In unserem Verständnis hat eine Statue was mit Ehrerbietung zu tun. Das ist der Grund warum es in Deutschland keine Statuen mehr von Hitler gibt. Warum es heute noch Orte gibt die Hitler die Ehrenbürgerschaft aberkennen obwohl das nach dem Tod des Diktators rechtlich gar nicht notwendig ist.

Ich bin früh über die Verbrechen der Nazis aufgeklärt wurden. Nicht gut, und nicht sonderlich progressiv, aber in Deutschland wird man früh damit konfrontiert. Die Verbrechen der Nazis, die Schuld des Deutschen Volkes ist kein Tabu, kein Geheimnis. Auch heute noch, sieben Dekaden danach bemüht man sich um Aufklärung. Ich glaube, ohne das ich einen Vergleich habe, das die Deutschen – vielleicht zwangsläufig – sich nach wenigen Jahren sehr bewusst mit ihrer Vergangenheit auseinander gesetzt haben. Spätestens die 68er haben dafür gesorgt das Deutschland nicht vergisst, verschweigt oder verleumdet was wenige Jahre zuvor geschehen war. Noch heute, kann ich wenn ich will jeden Tag eine Doku über die Verbrechen der Nazis gucken. Unsere Vergangenheit scheint allgegenwärtig. Etwas, was wir nicht vergessen können, wollen oder sollen.

Deswegen gibt es dennoch Leute die diese Taten leugnen, oder noch schlimmer sie gutheißen und sich in eine Zeit zurück sehnen, die sich wohl niemand wirklich vorstellen kann, der sie nicht selbst erlebt hat. Unsere Aufklärung macht uns nicht zu Heiligen. Sie schützt uns auch nicht vor neuen Verbrechen. Ich möchte aber glauben das sie uns vor Verbrechen dieser Dimension schützt.

Verbrechen miteinander zu vergleichen ist müßig. Klar ist, dass die aus Europa importierte Sklaverei ein grässliches Verbrechen ist was in den USA zu lange Realität war. Ebenso wie die Überwindung des geteilten Deutschlands uns Jahrzehnte beschäftigt, scheint die Überwindung der Sklaverei für die USA eine Jahrhundertaufgabe zu sein. Hass ist nie angeboren, sondern anerzogen. Umso schwerer lastet es, dass es junge Menschen sind die diese Verbrechen begehen. In den USA wie hierzulande. Hass, vererbt sich. Findet immer neue Opfer. Ich bin davon überzeugt das nicht Gewalt, sondern nur Aufklärung und Bildung dieses Denken zerstörten kann. Dies führt mich zurück zu meiner Frage – gibt es genug Aufklärung über die Verbrechen der Weißen Männer in den USA? Wie offen gehen die USA mit ihrer eigenen Geschichte, mit ihrer dunklen Seiten eigentlich um? Die USA sind nicht vergleichbar mit anderen Ländern. Ich frage mich manchmal ob das Klischee des über-patriotischen Amerikaners der als erstes lernt wie geil und überlegen sein Land ist, ihn davon abhält sich offensiv damit auseinander zu setzen welche Schwächen, welche Fehler sein Land hat. Schützt Patriotismus vor Anstand? Schließt Nationalstolz Bescheidenheit aus?

Sind das naive Fragen eines überheblichen Europäers? Ich kann mir diese Fragen selber nicht beantworten. Aus der Ferne betrachtet, glaube ich das die USA die Sklaverei, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit und dessen Folgen zu wenig offensiv diskutiert haben. Das dieses großartige, diverse, vielfältige Land sich den dunklen Seiten seiner Geschichte zu wenig bewusst ist und nicht willens oder fähig ist sich einem offenen Diskurs über seinen Fehlern zu stellen.

Ich weiß zumindest, das wir das immer mal wieder tun und es mir noch lange nicht konsequent und offensiv genug ist. Ein guter Anfang wäre – in den USA wie auch in Deutschland, wenn wir Identitäre, Alt-Rights usw. wieder als das bezeichnen was sie sind – Nazis – und ihnen nicht nach dem Mund reden und so helfen sich vor der bitteren Wahrheit zu verstecken.

Foto : Samuel Corum/Anadolu Agency via Getty Images

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By Ben
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