BENSTAGE 17.4 Von der Chance einer Möglichkeit

Applaus von der falschen Seite…

…und wie man damit umgeht. Spoiler: Ich weiß es nicht.

Immer öfter wenn ich Merkel und Co. kritisiere, erhalte ich likes von Pegidisten, Rechten, AfD-Wählern oder Sympathisanten oder andere Gestalten mit denen ich nichts zu tun habe. Das sollte jedem klar sein der sich die Mühe gibt ein wenig durch meine Twitter Chronik zu scrollen, oder aber hier in meinem Blog liest. Aber natürlich tut das niemand, was zählt ist der Moment. Außerdem frage ich mich selber, ob das wirklich stimmt – habe ich wirklich nichts mit diesen „Merkel muss weg“ Skandisten zu tun? Ich skandiere das schließlich schon seit 13 Jahren, länger, seit dem Wahlkampf 2005 eben. Aber meine Motivation ist eine andere, denke ich. 

Ich kritisiere Merkel wegen ihrer lethargischen Art Themen einfach auszusitzen. Für ihr Talent den Anschein zu erwecken sich um Dinge zu kümmern (aka Die Klimakanzlerin) während sie eigentlich nichts dafür oder dagegen tut. Letzteres gelingt ihr immer schlechter, aber eine zeitlang galt sie als alternativlos, als die Beste für den Job und erhielt Lob von allen Seiten. Ich habe das nie verstanden, fand ihre Politik größtenteils immer schrecklich und sehe mit bestätigt. Das habe ich evtl. mit den Pegisten gemein, aber eben diese eine Sache – 2015 Menschen in Not nach Deutschland einzuladen um eine allzu große humanitäre Katastrophe zu verhindern – genau das, werfe ich ihr nicht vor. Das war bisher vielleicht die einzige politische Entscheidung die ich nachvollziehen konnte. Vielleicht war es schlecht gemacht, weil nicht mit unseren europäischen Partnern abgesprochen usw., es gibt sicher genug was man daran kritisieren kann – aber der Akt an sich war menschlich korrekt. 

Nein, ich kritisiere sie und ihre Partei vor allem dafür Dinge auszusitzen, von den ökonomisch positiven Erfolgen der Schröder’schen  Agenda Politik zu leben, nichts zu tun und dafür noch bejubelt zu werden. So ziemlich jedes politisch relevante Thema hat die Frau nun an die Wand gefahren, sei es E-Mobilität und der damit einhergehende Dieselskandal, Digitalisierung, soziale Gerechtigkeit, die bedingungslose Gleichberechtigung der Frau und die Gleichstellung von Minderheiten, Bildung, Rente, Gesundheit… Alles, geht auf dem Zahnfleisch, bei allen relevanten Themen leben wir von der Substanz, vor allem bei der Infrastruktur selber. Das zeichnet ein ziemlich düsteres Bild, so schlimm kann es doch nicht sein, Deutschland steht doch da wie eine Eins. Ja, in nackten Zahlen vielleicht. Schaut man genauer hin, erkennt man aber wie kaputt viele Dinge schon sind. Die Vorschusslorbeeren für die Schröder seine SPD zerlegt hat, sind bald aufgebraucht. Merkel hat das Land keinen Millimeter voran gebracht, opfert wichtige Zukunftsdebatten dem Status Quo um den Interessen Weniger zu dienen und einen stressfreien Umzug in die Urne zu gewährleisten. Vor allem das komplette Versagen in der Klimapolitik und der Digitalisierung ist ihr vorzuwerfen, das wird uns in nicht allzu ferner Zukunft extrem teuer zu stehen kommen. 

Diese Themen interessieren die Rechten gar nicht. Das Merkel-bashing an sich ist ihnen genug, so sammelt man hier einen Like und dort einen Retweet. Mir ist das unangenehm. Ich bashe Merkel nicht, weil es Merkel ist. Ich bin der Meinung ich kritisiere sie und ihre Partei aus guten Gründen. Weil konservative Politik einfach schlecht ist und nicht in eine globaliserte Welt passt. Weil es uns schadet und weil es zu teuer ist. Ich will kein Populist sein, aber natürlich bin ich mir darüber im Klaren nicht selten wie einer zu klingen. Oft vermische ich meine Wut auch mit Humor, Satire. Ein Stilmittel was leider vor allem die Rechten nicht verstehen können oder wollen. Und dann wiederum denke ich an Stefan Schulz der einen Linken Populismus fordert. Nun, wie geht denn das? Links erscheint mir an sich oft zu verkopft und kompliziert. Klar ist „Reichensteuer!“ eine ebenso leichte Forderung wie „Ausländer raus“ aber in der Sache doch nicht vergleichbar oder? Populismus bedeutet einfache Antworten auf komplizierte Fragen liefern. Tiefer blickend ist Die Linke dazu nicht fähig. Denn wie auch teilweise Die Grünen fordern Die Linken dann Dinge die nicht nur die Reichen treffen würden, sondern eben uns alle. Da wird es kompliziert. Denn eines eint all die Rechten ja – sie reden immer nur von den anderen. Nichts was sie anders machen müssten, nichts was sie verändern müssten. Alles Böse und Schlechte kommt von außerhalb und betet den falschen Gott an. Wären die nicht da, wäre hier das Paradies. Das ist natürlich Bullshit, spielt aber keine Rolle. 

Wann immer ich für einen Tweet vor allem Likes aus der Rechten Ecke erhalte, frage ich mich ob ich mich nicht zu missverständlich ausgedrückt habe. Ich will das Recht haben mich auch weiter über die Politik von Merkel & Co zu beschweren, ohne dafür in diese dumpfe Ecke gestellt zu werden oder mich mit denen gemein zu machen. Ich bin keiner von denen. Ich wünsche mir eine andere Politik, habe ein vollkommen anderes Demokratieverständnis als diese Gestalten. Ich will keinen Führer, ich will einen Wettstreit der Ideen, will leidenschaftlich über Visionen diskutieren. Schon alleine deswegen verachte ich Merkel, sie hat uns nie etwas von Visionen erzählt, verschweigt uns bis heute wo sie mit diesem Land mal hinwill auch wenn die Folgen ihrer miserablen Politik immer deutlicher werden. Die Frau kann es nicht, sie ist eine brillante Machtpolitikerin, eine passable Verwalterin aber eine miserable Gestalterin. Ihr fehlen Mut, Kreativität und Vorstellungsvermögen.  

Frau Wagenknecht wird auch immer wieder in die Rechte Ecke gestellt, nur weil sie sich mal nicht allzu naiv zu bestimmten Dingen äußert. Was komisch ist, wirft man den Linken doch immer vor das sie vor allem deswegen Regierungsunfähig seien weil sie politische Realitäten nicht anerkennen würden. In der Sache natürlich das Ur-Missverständnis mit dieser Partei: Während alle Parteien das System als Gott gegeben hinnehmen, ist es eben nur Die Linke die davon redet es zu verändern. Wenn sich Frau Wagenknecht dann aber mal zu bestimmten Themen realistisch äußert, wird sie sogar von Linken Sympathisanten als rechts verunglimpft. So schlau sind wir Linken dann eben doch nicht. Ich will mich natürlich nicht mit Frau Wagenknecht vergleichen, aber in der Sache ist es dasselbe Problem. In einem Wettbewerb der Ideen kann mein politischer Gegner natürlich auch mal eine Idee haben, die ich unterstützenswert finde. In einer Demokratie in der sich alle Parteien ja letztlich auf das Wohl des Volkes einigen können sollten, ist das auch nicht weiter verwunderlich. Mitunter führen viele Wege zum Ziel. Na klar kann ein Pegist mal was sagen, was ich auch nicht so falsch finde. Unsere Prämissen und Ziele werden wohl stets unterschiedlich sein, deswegen kann das eine oder andere Argument sich dennoch mal gleichen. Das sollte kein Problem sein. Denn wenn ich mitunter auch populistisch unterwegs sein mag, ein Demagoge bin ich nicht. Wenn ein CDU’ler etwas vernünftiges sagt, kann ich das auch anerkennen gleichwohl ich die Partei insgesamt ablehne. Dennoch bleibt da dieses Gefühl von Ekel wenn etwas was ich schreibe zu viel Zuspruch aus einer Ecke bekommt, für die es nicht gedacht war. 

Ich nehme dies aber als Anlass mich selber immer wieder zu hinterfragen. Das hat zur folge das ich bestimmte Dinge gar nicht erst twittere. Nicht aus Angst, viel mehr weil mir klar wird wie es verstanden werden könnte. Welche Botschaft es senden könnte, die genau das Gegenteil von dem darstellt was ich eigentlich ausdrücken will. Ich zensiere mich nicht selbst, ich denke mitunter nur besser nach was ich wie formuliere. 

P.S. Wut ist ein Thema was mich mein Leben lang begleitet. Ich bin ein leidenschaftlicher, mitunter zorniger, ungeduldiger Mensch. Ich weiß das über mich und ich arbeite daran. Früher habe ich viele Dinge sehr wütend und roh formuliert. Inklusive persönlicher Beleidigungen. Nicht das mir das nicht immer noch passiert, ab und an aber ich versuche darauf zu achten, dies zu vermeiden. Von Satire mal abgesehen, will ich mit meinen Statements ja meistens etwas ausdrücken. Wenn ich darin nun Personen persönlich beleidige, verliere ich damit den Anspruch darauf ernst genommen zu werden. Also bemühe ich mich mehr und mehr davon abzusehen, mehr Fakten als Gefühle sprechen zu lassen. Wobei ich nie vollkommen ohne auskommen werde. Es ist ein Balanceakt den ich nicht wirklich gut beherrsche, mir aber Mühe gebe. 

FOTO: ARNO BURGI/DPA

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By Ben
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Zum Finden berufen, zum Suchen verdammt.

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