BENSTAGE 17.4 Von der Chance einer Möglichkeit

Sieben Prozent Stress

Bei meinen halbjährlichen Body Scan kam heraus das ich statt 15, jetzt nur noch aus 7% Stress bestehe. Ebenfalls kam heraus das ich seitdem letzten Mal nicht nur Fett, sondern auch Knochenmasse abgebaut habe. Da ich mir weder bewusst noch unbewusst irgendwelche Gliedmaßen abgehackt oder sonst irgendwie Knochen entfernt habe, muss ich vermuten das der Apparillo hier schlicht Quatsch erzählt. Na klar, er berechnet einfach irgendeinen prozentualen Durchschnitt, was dennoch nicht zur Folge haben dürfte das meine Knochenmasse weniger wird. Egal wie viel ich abnehme. Sind eben echte Profigeräte.

Ich nehme solche Geräte daher auch nicht zu ernst oder halte sie für die ultimative Wahrheit. Aber als Zahlenspielerei ist das ja ganz unterhaltsam. Also nur noch halb so viel (oder so wenig?) Stress wie vor vier Monaten. Interessant. Fühle ich mich jetzt auch weniger gestresst? Anders? Nicht wirklich. Und wie verhält sich jemand der zu 100% aus Stress besteht und welche Vitalzeichen gibt jemand von sich der zu 0% aus Stress besteht? Was ist viel, was ist wenig? All das weiß ich nicht. Auch kenne ich die Formel nicht, nach der das berechnet wird. Wird wohl irgendwas mit Herzschlag und was-weiß-ich zu tun haben.

Bewegung finde ich erst mal immer gut. Aber wie gesagt, ich weiß nicht ob 7% gut, mittel oder schlecht sind. Es hört sich nach wenig an. Wenn ich mal an meine eigene Skala denke, wo 100% jenem, dunklen Zustand entspricht wo man kaum noch atmen kann vor Stress, endlos erschöpft ist, aber nie schlafen kann, die Gedanken ständig rasen, man jede Sekunde an etwas anderes denkt was man erledigen müsste, sich verfolgt fühlt, man aber so aussichtslos hinterher ist das man egal wie lange man arbeitet niemals weiter kommen wird, dann würde ich mich heute vielleicht irgendwo zwischen 10 und 20% einordnen. Ruhe geht anders, (ungesunde) Unruhe aber auch. Man lebt, ohne großes Bohei.

Ich sehe (so langsam) in allem, dass sich was tut bei mir, physisch. Ich werde weniger. Optisch, wie auch in Zahlen. Das ist schön. Aber psychisch hat sich bei mir kaum etwas getan. Damit sind nicht nur die dunklen Ecken meines Verstandes gemeint die ich zurzeit meide, sondern eben genau das: Mein ungestümes Gemüt. Allgemein, bin ich etwas ruhiger geworden in den letzten Jahren. Einige Dinge haben entweder die Bedeutung verloren oder ich versuche (bewusst, unbewusst) ihnen nicht mehr eine so große Bedeutung beizumessen. Dann wiederum gibt es aber zuhauf (und hier habe ich eher das Gefühl das es mehr geworden ist) jene, an sich vollkommen unbedeutende Situationen wo mich irgendwas was nicht so klappt wie es sollte dermaßen triggert, das ich wie ein Bekloppter rumschreie oder Sachen vor blinder Wut zerstöre. Letzteres passiert nur noch sehr, sehr selten, ersteres aber beinahe täglich. Ein entspannter, ausgeglichener Mensch geht sicherlich anders. Oder lassen sie es mich anders formulieren: Wenn ich ein ausgeglichener, entspannter Mensch bin, dann hat dieser Planet ernsthafte Probleme. Weil dieser Planet nun ernsthafte Probleme hat, scheine ich ein ausgeglichener, entspannter Mensch zu sein.

Ich frage mich, wie es weitergeht. Fände der Apparillo es gut, wenn ich bei 0% Stress lande? Ich weiß gar nicht, ob ich das will. Stress, ist ja per se nichts Schlechtes. Stress kann ungesund sein, weil es das System so verkrampft, so sehr das es kaputt geht wenn man sich nicht um die Auslöser kümmert. Stress, ist wie die Angst ein Warnsystem. Stress kann aber auch der notwendige Arschritt sein um sich aus seiner scheiß Komfortzone zu erheben und sich dem Leben zu stellen. Oder zumindest der Möglichkeit eben dessen.

Ich lebe zurzeit in verschiedenen, unbequemen Komfortzonen. Keine davon entspricht der klassischen Bauweise, auch wissen die verschiedenen Zonen nichts voneinander. Jede von ihnen ist liebevoll gestaltet, verziert mit den vorwurfsvollen Insignien des banalen Scheiterns. Und jede spiegelt eine Grenze meiner beschränkten, ruhelosen Existenz wieder. Es sind die schmucklosen, wenig innovativen Monumente einer durchschnittlichen Existenz. Doch haben sie alle eines gemeinsam: Die Aussicht auf eine andere Wahrheit, der Ausguck der die Sehnsucht nach mehr ermöglicht und nährt. Das Verlangen nach einer anderen Version dieser Realität. Die Verheißung einer absurden Idee.

Ich werde mich weiter reduzieren. Auch will ich gerne ausgeglichener werden, aber niemals beliebig. Ungesunde, inhaltslose, selbstzerstörerische Wut, will ich gegen bedeutungsvolle, kreative, selbstzerstörerische Wut eintauschen. Stress soll mir dabei ein Diener sein, kein Knecht.

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By Ben
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Zum Finden berufen, zum Suchen verdammt.

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