BENSTAGE 17.4 Von der Chance einer Möglichkeit

Sehnsüchtige Schlaflosigkeit

Der Schreibende sehnt sich nach schlaflosen Nächten voller Elegie und dunkler Wortschöpferei. Danach im stillen Mantel der Nacht, beschützt von allem was laut und unbedeutend ist, Welten zu erschaffen und wieder zu vernichten. Danach den Verstand wandern zu lassen, an unbekannte, lange verschollene Orte. Danach Dinge wieder zu entdecken die verloren scheinen. Das Momentum der Schöpfung zu unschicklichen Zeiten. Es sehnt den Wankenden nach wachen Stunden, danach der Müdigkeit zu trotzen, dem Erschöpften die Stirn zu bieten und über das Prekariat des Vernünftigen zu herrschen. Hinfort mit allem was vernünftig, ja richtig ist! Er will das Unvernünftige zelebrieren. Den Nächten Bedeutung verleihen. Danach dem Sein die eigene Signatur aufzudrücken. Gelebt und gelitten von… Nach Kontrolle, Bewusstsein und Bestimmung. Selbst,- statt Fremdbestimmung. Danach von der Rückbank aufzustehen, den grimmigen Fahrer der Angepasstheit aus dem Wagen der Konformität zu stoßen und selbst das Steuer zu übernehmen. Einen scharfen U-Turn hinzulegen und mit durchdrehenden Reifen dem eigentlichen Ziel entgegen zu rasen. Nonkonformität. Irre lachend, entgegen dem Verkehr und voller Adrenalin.

Adrenalin, diese wundervolle, selbstgemachte Droge, welche die Synapsen glühen lässt. Ich will spüren wie Dopamin das Gehirn durchflutet, wie Ideen, Energie durch die Highways meines Verstandes rasen und alles zum Leuchten bringen. Ich will meinen Verstand in Flammen sehen. Ich will mich aus dem Winterschlaf erheben, die müden Lungen mit frischer, kühler Luft füllen und laut brüllen. Ich bin noch hier, dies ist meine Zeit, ich bestimmte wie es weiter geht. Ich herrsche über Raum und Zeit, zumindest aber über diesen müden Körper. Nicht er über mich. Das fragile Konstrukt einer so unwahrscheinlichen Existenz. Der Verstand obsiegt über das bräsige Fleisch doch an jeden Tag. Ein Kampf um die Herrschaft über das innere System, Tag für Tag, Stund für Stund. Keine Gefangenen, schlafen können wir wenn wir nicht mehr sind. Wir verschieben das müde sein auf die Unexistzenz, wenn es eh nicht mehr zählt. Zu viele Stunden der Bewusstlosigkeit geopfert.

Man geht früh ins Bett, erwacht früh und passt sich einer Welt an, die nicht die eigene ist. Einem Rhythmus der nicht ferner von der eigenen Wahrheit sein könnte. Eine diametral andere Programmierung. Man passt sich einem System an was aus vollkommen unbekannten Gründen zu funktionieren scheint. Ist man denn selbst der Störfaktor? Ist man der Stein im Schuh der Gesellschaft? Das will man sein, doch nicht so.

Ich sehne mich nach weniger Schlaf, nicht nach mehr. Ich will viel wacher sein, mehr Zeit für mich und meine Ideen haben. Ich will weniger Vernunft, mehr waches Bewusstsein. Es gibt zu viele Dinge die mich umtreiben, nichts davon lässt sich im Schlaf erledigen. Und selbst das Träumen gelingt kaum noch in den Stunden der Nacht. Meine Träume verbergen sich zwischen den Zeilen, den Zeilen die ich nicht verfasse weil ich schlafen muss. Ich will nicht mehr schlafen müssen. Ich will nicht immer wieder etwas auf morgen verschieben nur weil es vernünftig erscheint. Ich will mehr Zeit für mich, für meine Art von Bewusstsein und weniger Stunden der Erholung opfern müssen. Ich sehne mich nach Schlaflosigkeit, dem süßen Gift des zwanghaft Wachen. Dem Verhängnis der Wachheit die nicht anders genutzt werden kann, als schöpferisch tätig zu sein. Ich will mich verschöpfen. Ich will meinen Verstand ermüden mit zu vielen Taten und nicht meinen Körper mit zu wenigen von dem was wirklich zählt. Mein Morgen wird immer umfangreicher, immer mehr Dinge verschiebe ich auf den Tag der nie kommen soll. Ebenso könnte ich es auf das Nachleben verschieben. Jenseits. Doch will ich nicht nachleben, ich will erleben. Vorleben. Ich will das jede Sekunde, jeder Atemzug den ich tätige zählt. Da war wieder einer der nichts bedeutet. 

Ich will wieder gequält werden mit immer neuen Ideen und ich will an der Verwirklichung all meiner wirren Gedanken erkranken. Ich will am machen zugrunde gehen, nicht am wollen. Ich will der Getriebene sein der einer fixen Idee nach der anderen hinterher jagt. Ich will es sein der durch die dunkle Nacht streift, den Worten hinterher, auf mich selbst lauernd, der Bedeutung Zeit geben. Ich opfere ihr all meine Leidenschaft, Sehnsucht und Hingabe. Nimm alles und lass es brennen!

Diese Zeilen wollte ich eigentlich gestern Abend verfassen. Doch dann war ich müde, dachte es wäre besser früh ins Bett zu gehen, sehr früh aufzustehen und es dann zu tun. Ein Teufelskreis der Vernunft den ich verlassen muss, ehe er mich vernichtet. 

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By Ben
BENSTAGE 17.4 Von der Chance einer Möglichkeit

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Zum Finden berufen, zum Suchen verdammt.

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